Ungewöhnlicher Fundort: Anfang September 2026 entdeckten wir dieses weibliche Große Grüne Heupferd (Tettigonia viridissima) auf einer Steintreppe an einer viel befahrenen Straße. Auffällig war, dass das Tier kaum Fluchtverhalten zeigte
Foto: © Trierer Umschau – Logo: © DLR Mosel
Nachdem wir das Große Grüne Heupferd in einen geschützten Grünbereich gebracht hatten, fanden wir es später auf der Seite liegend und später tot beziehungsweise ohne erkennbare Lebenszeichen vor. Drei Wespen, vermutlich aus der Gattung Vespula, hatten den Körper entdeckt und trennten mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen proteinreiches Gewebe ab – Nahrung, die Arbeiterinnen unter anderem zur Versorgung ihrer Larven ins Nest tragen.
Foto: © Trierer Umschau
Großes Grünes Heupferd
Foto: Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau
Gemeine Wespe
Foto: Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau

NATUREREIGNISBEGLEITER – TEXT 62

Pestizide treffen Nebenschauplätze – eine Dokumentation verabschiedet ein Großes Grünes Heupferd | NaturEREIGNISbegleiter – Lebendige Moselweinberge

Anfang September 2026 beginnt unsere Beobachtung mit einer Heuschrecke auf einer Steintreppe. Wenige Stunden später ist das Tier tot und Wespen zerlegen seinen Körper. Dazwischen liegt eine Beobachtung, deren Ursache wir nicht beweisen können. Sie führt jedoch zu einer größeren Frage: Was geschieht mit Insekten, die ein Pflanzenschutzmittel eigentlich gar nicht treffen soll?

 

Ein Großes Grünes Heupferd auf einer Steintreppe

 

Der Ort machte uns zunächst stutzig.

Auf der Steintreppe vor einem Hauseingang saß eine große grüne Heuschrecke. Das Haus liegt unmittelbar an einer viel befahrenen Straße. Rund um den Eingang gibt es keinen Lebensraum, den man spontan mit einer großen Heuschrecke verbinden würde: keine Wiese, keine Hecke, kein höheres Gras.

Bei dem Tier handelt es sich um ein Großes Grünes Heupferd (Tettigonia viridissima), genauer um ein erwachsenes Weibchen. Auffällig ist dessen langer, schwertförmiger Legebohrer, der sogenannte Ovipositor. Beim Weibchen kann er eine Länge von mehr als zwei Zentimetern erreichen. Das Große Grüne Heupferd gehört zu den größten heimischen Langfühlerschrecken.

Allein sein Auftauchen vor unserer Haustür wäre allerdings noch keine Geschichte. Das Große Grüne Heupferd kann gut fliegen und dadurch auch größere Distanzen überwinden. Ein zufälliger Zwischenstopp auf einer Treppe ist also keineswegs ausgeschlossen.

Etwas anderes fiel uns auf:

Das Tier zeigte nicht die Fluchtreaktion, die wir erwartet hätten.

Wir konnten uns ihm nähern. Es flog nicht davon. Es machte auf uns einen beeinträchtigten Eindruck.

Warum?

 

Eigentlich lebt das Große Grüne Heupferd mitten im Grün

 

Das Große Grüne Heupferd ist bei der Wahl seines Lebensraumes vergleichsweise anpassungsfähig. Es kommt auf Wiesen und Trockenrasen, an Hecken und Waldrändern, auf Brachen, in Gärten und auch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen vor. Wichtig ist vor allem ausreichend hohe Vegetation. Dort hält sich die Art überwiegend in den oberen Bereichen der Krautschicht sowie später auch in Sträuchern auf.

(vgl. https://insektentrainer.nabu.de/insekt/gruenes-grosses-heupferd/)

Dass Heuschrecken auch zur Tierwelt der Weinbaulandschaften gehören, ist für Rheinland-Pfalz gut dokumentiert.

Das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz bezeichnet beispielsweise das Weinhähnchen (Oecanthus pellucens) ausdrücklich als „Charakterart der Rebenlandschaft“. Seine rheinland-pfälzischen Vorkommen folgen den großen Weinbauregionen entlang von Rhein, Mosel, Nahe und Lahn. Auch andere Heuschreckenarten besiedeln Wege zwischen Weinbergsmauern, Trockenstandorte und weitere Strukturen der Weinbaulandschaft.

(vgl. https://lfu.rlp.de/natur/artenschutz/artenschutzprojekte-konzepte-und-hilfsprogramme/artenschutzprojekte/insekten/weinhaehnchen)

Auch aus der Pfalz liegen wissenschaftliche Untersuchungen über Heuschrecken in biologisch und konventionell bewirtschafteten Weinbergen vor.

Die Vorstellung einer Heuschrecke als Bewohnerin einer Weinbaulandschaft ist also keineswegs ungewöhnlich.

 

Pestizide unterscheiden nicht zwischen erwünscht und unerwünscht

 

Damit kommen wir zu dem Teil unserer Beobachtung, den wir nicht beweisen können – der aber unsere Fragen ausgelöst hat.

Pflanzenschutzmittel sind keine einheitliche Stoffgruppe. Fungizide richten sich gegen Pilze, Herbizide gegen unerwünschte Pflanzen und Insektizide gegen Insekten.

Für eine mögliche direkte Beeinträchtigung einer Heuschrecke sind deshalb vor allem Insektizide von Interesse.

Ein Insektizid trifft jedoch nicht deshalb ausschließlich eine bestimmte Insektenart, weil der Mensch diese Art bekämpfen möchte. Auch andere Gliederfüßer können exponiert werden. Man spricht deshalb von Nichtzielorganismen.

Für Heuschrecken ist genau diese Problematik untersucht worden – und bemerkenswerterweise stammt eine wichtige Untersuchung dazu aus Rheinland-Pfalz.

Forscher der damaligen Universität Koblenz-Landau untersuchten, ob die Abdrift von Insektiziden Heuschrecken an Feldrändern beeinträchtigen kann. Dabei wurden fünf Insektizidwirkstoffe getestet und sowohl die Aufnahme durch direkten Kontakt als auch über kontaminierte Nahrung berücksichtigt. Zusätzlich wurden Feldränder unter anderem neben Weinbergen untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die untersuchten Heuschrecken gegenüber den getesteten Insektiziden empfindlich waren.

(vgl. https://www.rlp-forschung.de/public/publications/80549)

Das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz nennt bei verschiedenen heimischen Heuschreckenarten ebenfalls Einwirkungen von Herbiziden beziehungsweise Insektiziden aus Landwirtschaft und Weinbau als eine Ursache lokaler Bestandsrückgänge.

Damit ist die Frage nach möglichen Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Heuschrecken keine theoretische Konstruktion.

 

Was ein Insektizid mit der Bewegung machen kann

 

Besonders interessant wird es bei Wirkstoffen, die das Nervensystem von Insekten angreifen.

Zu ihnen gehören beispielsweise bestimmte Pyrethroide. Ein bekannter Vertreter ist Deltamethrin. Solche Wirkstoffe beeinflussen die Signalübertragung der Nervenzellen über Ionenkanäle. Bei entsprechender Exposition können dadurch zunächst Übererregung und anschließend Koordinationsstörungen bis hin zur Bewegungsunfähigkeit und Lähmung auftreten. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Deltamethrin?utm_source=chatgpt.com )

Damit kommen wir zurück zu unserer Beobachtung.

Kann ein Insektizid bei einer Heuschrecke dazu führen, dass ihre Bewegungen beeinträchtigt werden?

Ja, grundsätzlich kann eine solche Wirkung biologisch erklärt werden.

Können wir daraus schließen, dass das von uns beobachtete Große Grüne Heupferd durch ein Insektizid geschädigt wurde?

Nein.

Dafür wäre eine entsprechende Untersuchung des Tieres beziehungsweise eine Rückstandsanalyse notwendig gewesen. Auch eine Verletzung, Erkrankung, Parasiten, Alter oder andere Ursachen können wir nicht ausschließen.

Aber vielleicht entsteht gerade aus dieser Unsicherheit die wichtigere Frage:

Wenn wir einen Stoff ausbringen, um ein bestimmtes Insekt zu treffen – woher wissen wir eigentlich, welche anderen Insekten ihn ebenfalls aufnehmen?

 

Wir bringen das Heupferd ins Grün

 

Wir wussten nicht, weshalb sich das Große Grüne Heupferd auf unserer Treppe befand.

Wir wussten nur, dass es dort unmittelbar an der Straße kaum Schutz gab und dass wir keine normale Fluchtreaktion beobachtet hatten.

Deshalb trugen wir das Tier vorsichtig in einen geschützten Grünbereich.

Dort ließen wir es zurück.

Nach ungefähr eineinhalb Stunden sahen wir erneut nach ihm.

Das Große Grüne Heupferd lag inzwischen auf der Seite.

Damit war klar, dass das ungewöhnliche Verhalten auf der Treppe zumindest nicht einfach dadurch erklärt werden konnte, dass sich das Tier für einen kurzen Moment an einem ungewöhnlichen Ort niedergelassen hatte.

Sein Zustand hatte sich deutlich verschlechtert.

Ungefähr drei Stunden später gingen wir noch einmal zu der Stelle.

Nun waren Wespen da.

 

Aus der Heuschrecke wird Nahrung

 

Auf unseren Bildern sind drei Wespen zu erkennen, die am Körper des Großen Grünen Heupferdes arbeiten.

Die Größenverhältnisse erscheinen zunächst erstaunlich. Gegenüber dem großen Heupferd wirkt eine einzelne Wespe klein. Hinzu kommt das feste Außenskelett der Heuschrecke, dessen wichtiger Bestandteil Chitin ist.

Doch Wespen besitzen kräftige Mundwerkzeuge – die Mandibeln. Sie können damit tierisches Material zerteilen und transportierbare Portionen herstellen.

Die erwachsenen Wespen benötigen vor allem energiereiche, zuckerhaltige Nahrung. Ihre Larven dagegen werden mit eiweißreicher tierischer Nahrung versorgt. Soziale Wespen erbeuten dafür unter anderem Fliegen, Mücken und andere Insekten.

(vgl. https://www.bund-naturschutz.de/fileadmin/Bilder_und_Dokumente/Themen/%C3%96kologisch_leben/Tiere/Insekten/BN_%C3%96kotipp_Wespen_2025_d_web.pdf)

Die Wespen waren also nicht die Täter unserer Geschichte.

Sie kamen erst, als das Große Grüne Heupferd bereits tot oder zumindest so stark geschwächt war, dass es keine Gegenwehr mehr leisten konnte.

Für sie war der große Insektenkörper eine Proteinquelle.

 

Ein Ende – und gleichzeitig ein Kreislauf

 

Was für das Große Grüne Heupferd das Ende bedeutete, war für andere Organismen Nahrung.

Innerhalb weniger Stunden hatte sich die Rolle dieses Tieres vollständig verändert.

Aus einem lebenden Insekt wurde ein Kadaver. Wespen entnahmen verwertbares Gewebe. Andere kleine Tiere und schließlich Mikroorganismen können den weiteren Abbau übernehmen.

Die Natur kennt in diesem Sinne kaum Abfall.

Und gerade deshalb möchten wir den Wespen in dieser Geschichte keine negative Rolle geben. Sie tun das, was sie innerhalb eines Ökosystems tun: Sie nutzen vorhandene Nahrung und versorgen damit unter anderem ihre Nachkommen.

Unsere Frage liegt an einer anderen Stelle.

 

Pestizide treffen Nebenschauplätze

 

Wir wissen nicht, woran dieses Große Grüne Heupferd gestorben ist.

Das muss am Ende dieser Dokumentation genauso deutlich stehen wie am Anfang.

Aber wir wissen inzwischen etwas anderes.

Heuschrecken gehören zur Lebensgemeinschaft unserer Weinbaulandschaften. Das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz beschreibt bei mehreren Arten Beeinträchtigungen durch Herbizide und Insektizide aus Landwirtschaft und Weinbau. Wissenschaftliche Untersuchungen aus Rheinland-Pfalz zeigen zudem, dass Heuschrecken durch Insektizide exponiert werden können – über direkten Kontakt ebenso wie über belastete Nahrung.

Und bestimmte Insektizide greifen ausgerechnet das System an, das darüber entscheidet, ob ein Insekt seine Beine koordiniert, auf einen Reiz reagiert oder fliehen kann.

Deshalb bleiben Fragen zurück.

Wie weit reicht die Wirkung eines Stoffes über den Ort hinaus, an dem wir ihn haben wollen?

Welche Tiere begegnen ihm, obwohl sie niemals bekämpft werden sollten?

Und wie häufig sehen wir diese Nebenschauplätze überhaupt – wenn nicht zufällig eines Tages ein Großes Grünes Heupferd auf unserer Treppe sitzt?

Wir können nicht beweisen, dass Pestizide dieses Tier dorthin gebracht haben.

Wir können nicht beweisen, dass sie seinen Tod verursacht haben.

Aber wir können dokumentieren, was wir gesehen haben.

Und wir können wissenschaftliche Erkenntnisse danebenstellen, die zeigen, dass die Frage nach den Nichtzielwirkungen von Pestiziden auf Heuschrecken berechtigt ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieses Fundes.

Nicht der Versuch, aus einem einzelnen toten Insekt einen Beweis zu machen.

Sondern ein Anlass, genauer hinzusehen.

Pestizide treffen Nebenschauplätze.

Und auf einem dieser Nebenschauplätze verabschieden wir ein Großes Grünes Heupferd.

 

 

Großes Grünes Heupferd – Tettigonia viridissima

 

Das Große Grüne Heupferd gehört zu den größten heimischen Heuschrecken. Es ist eine Langfühlerschrecke aus der Familie der Laubheuschrecken (Tettigoniidae). Trotz seiner auffälligen Größe bleibt es im Sommer häufig verborgen: Seine grüne Färbung tarnt es hervorragend zwischen Blättern und hohen Gräsern. Oft verrät erst der weithin hörbare Gesang der Männchen seine Anwesenheit.

 

Name: Großes Grünes Heupferd, auch Grünes Heupferd oder Großes Heupferd

Lateinischer Name: Tettigonia viridissima (Linnaeus, 1758)

Ordnung: Heuschrecken (Orthoptera)

Unterordnung: Langfühlerschrecken (Ensifera)

Familie: Laubheuschrecken (Tettigoniidae)

(vgl. https://insektentrainer.nabu.de/insekt/gruenes-grosses-heupferd/)

 

Wie lebt das Große Grüne Heupferd?

Das Große Grüne Heupferd lebt nicht in Staaten oder festen Gruppen, sondern überwiegend einzeln. Besonders die erwachsenen Männchen grenzen durch ihren Gesang Bereiche gegenüber anderen Männchen ab.

Höhlen oder Nester baut die Art nicht. Die Larven halten sich zunächst überwiegend in der Krautschicht auf. Erwachsene Tiere findet man häufig höher in Stauden, Sträuchern und Bäumen. Männchen suchen erhöhte Singwarten auf und können dabei bis in Baumkronen steigen.

Einen Winterschlaf gibt es nicht. Die erwachsenen Tiere sterben spätestens mit der kalten Jahreszeit. Den Winter überdauert die nächste Generation als Ei im Boden.

Bemerkenswert ist die Beweglichkeit der Tiere. Sie können ausgezeichnet klettern und springen und sind – anders als manche kurzflügeligen Heuschrecken – gute Flieger. Dadurch können sie neu entstandene geeignete Lebensräume vergleichsweise schnell erreichen.

● Lebensweise: überwiegend einzeln

● Aufenthaltsort: hohe Gräser, Stauden, Gebüsche, Hecken und Bäume

● Fortbewegung: Laufen, Klettern, Springen und Fliegen

● Überwinterung: als Ei im Boden

● Wanderungen: keine saisonalen Fernwanderungen; die flugfähigen Tiere können jedoch neue Lebensräume besiedeln

 

Welche Sinnesorgane nutzt das Große Grüne Heupferd?

Besonders auffällig sind die extrem langen Fühler. Sie können länger als der Körper sein und dienen unter anderem der Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung sowie chemischer und mechanischer Reize.

Außergewöhnlich ist auch das Gehör. Die Hörorgane – sogenannte Tympanalorgane – liegen nicht am Kopf, sondern an den Schienen der Vorderbeine. Von außen sind dort spaltförmige Öffnungen erkennbar.

Die Facettenaugen dienen der visuellen Orientierung. Außerdem nehmen Heuschrecken mechanische Reize und Erschütterungen wahr.

 

Wie unterscheiden sich Weibchen und Männchen?

Beide Geschlechter sind überwiegend kräftig grün gefärbt. Typisch ist eine feine bräunliche Längszeichnung auf der Oberseite. Gelbliche Farbvarianten können vorkommen.

Der auffälligste Geschlechtsunterschied befindet sich am Hinterleib.

Weibchen

● Körperlänge: etwa 32 bis 42 Millimeter, ohne Legeröhre

● Körperbau: meist etwas größer und kräftiger als das Männchen

● Farbe: überwiegend grün, häufig mit bräunlicher Rückenlinie

● Auffälligstes Merkmal: langer, schwertförmiger Legebohrer (Ovipositor)

● Länge des Legebohrers: ungefähr 23 bis 32 Millimeter

Männchen

● Körperlänge: etwa 28 bis 36 Millimeter

● Körperbau: meist etwas schlanker und kleiner als das Weibchen

● Farbe: ebenfalls überwiegend grün mit bräunlicher Rückenzeichnung

● Kein Legebohrer

● Die Männchen besitzen das Stridulationsorgan an den Vorderflügeln, mit dem der weithin hörbare Gesang erzeugt wird.

 

Wie finden sich die Geschlechter und wie pflanzt sich das Heupferd fort?

Der sommerliche „Gesang“ ist ein wesentlicher Bestandteil der Partnersuche.

Das Männchen sitzt häufig auf einer erhöhten Singwarte und erzeugt durch das Aneinanderreiben bestimmter Strukturen seiner Vorderflügel den charakteristischen Laut. Das nennt man Stridulation.

Damit werden Weibchen angelockt; zugleich signalisiert der Gesang anderen Männchen die Anwesenheit eines Konkurrenten.

Bei der Paarung überträgt das Männchen eine Spermatophore, also ein Samenpaket.

Einige Zeit später sucht das Weibchen geeignete Stellen zur Eiablage. Mit seinem langen Ovipositor bringt es die Eier in den Boden ein. Angaben zur Gesamtzahl variieren; häufig werden mehrere hundert Eier genannt.

 

Wie lange dauert es vom Ei bis zum erwachsenen Heupferd?

Hier besitzt das Große Grüne Heupferd eine Besonderheit.

Seine Lebensgeschichte dauert insgesamt wesentlich länger, als das kurze Erwachsenenleben vermuten lässt.

Die Eier können mindestens etwa eineinhalb bis zwei Jahre Entwicklungszeit benötigen und mehrere Winter im Boden verbringen; unter bestimmten Bedingungen kann sich die Eientwicklung bis auf ungefähr fünf Jahre erstrecken.

Nach dem Schlupf durchlaufen die Jungtiere sieben Nymphenstadien. Anders als beispielsweise Schmetterlinge besitzen Heuschrecken kein Puppenstadium. Mit jeder Häutung ähnelt die Nymphe dem erwachsenen Tier stärker.

● Ei: meist mehrere Jahre im Boden

● Schlupf: ungefähr Ende April bis Mai

● Nymphenentwicklung: Frühjahr bis Sommer, sieben Stadien

● Geschlechtsreife: nach der letzten Häutung, meist im Sommer

● Erwachsene Tiere: ungefähr Juli bis Oktober, regional und witterungsabhängig teilweise bis Anfang November

Ein biologisches „Höchstalter“ eines erwachsenen Großen Grünen Heupferdes lässt sich deshalb nicht sinnvoll als feste Jahreszahl angeben. Das adulte Leben umfasst im Freiland nur einen Teil eines Jahres, während das Ei den mit Abstand längsten Abschnitt des gesamten Lebenszyklus ausmachen kann.

(vgl. https://www.orthoptera.ch/wiki/arten/ensifera/tettigoniinae/item/tettigonia-viridissima)

 

Wie sieht das Jahr des Großen Grünen Heupferdes aus?

Winter: Die Art befindet sich als Ei im Boden.

April/Mai: Nymphen schlüpfen aus entwicklungsbereiten Eiern.

Frühjahr und Frühsommer: Die Nymphen wachsen und häuten sich mehrfach.

Juli: Die ersten erwachsenen Tiere treten verstärkt auf.

Juli bis September: Die Männchen singen; Paarungen finden statt.

Sommer und Herbst: Die Weibchen legen Eier in den Boden.

Bis Oktober/Anfang November: Erwachsene Tiere können noch vorkommen.

Spätherbst/Winter: Die erwachsenen Tiere sterben; die Eier verbleiben im Boden.

Was frisst das Große Grüne Heupferd?

Anders als der Name „Heupferd“ vielleicht vermuten lässt, ist es kein reiner Pflanzenfresser.

Es lebt zu einem erheblichen Teil räuberisch.

● kleinere Insekten

● Insektenlarven, darunter Raupen

● andere kleine Gliederfüßer

● zusätzlich weiche Pflanzenteile

Damit ist Tettigonia viridissima ein Allesfresser mit stark räuberischem Anteil.

 

Wo kommt das Große Grüne Heupferd vor – besonders in Rheinland-Pfalz?

Die Art besitzt ein großes Verbreitungsgebiet von Europa bis weit nach Asien und kommt in Deutschland großflächig vor.

Auch in Rheinland-Pfalz ist das Große Grüne Heupferd weit verbreitet. Die Rote Liste Rheinland-Pfalz führt die Art als sehr häufig und nicht als gefährdete Art.

Ältere detaillierte Untersuchungen aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz beschreiben die Art ebenfalls als weit verbreitet und lediglich in klimatisch oder durch intensive Nutzung ungeeigneten Gebieten fehlend.

(vgl. https://lfu.rlp.de/fileadmin/lfu/Service/Publikationen/Naturschutz/Rote_Listen/RoteListe_Geradfluegler_201911.pdf)

 

Welche Reviere beansprucht das Große Grüne Heupferd?

Von einem Revier wie bei einem Vogel oder Säugetier sollte man nur eingeschränkt sprechen.

Vor allem Männchen verteidigen ihre Singbereiche gegenüber anderen Männchen. Konkurrenten können zunächst durch Gesangsduelle aufeinander reagieren; bei unmittelbarer Begegnung kann ein Männchen das andere verdrängen.

Ein dauerhaftes, klar abgegrenztes Territorium mit einer bestimmten Quadratmeterzahl lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.

 

Wie tarnt und verteidigt sich das Große Grüne Heupferd?

Die wichtigste Verteidigung beginnt damit, gar nicht entdeckt zu werden.

Der grüne Körper und die blattartig wirkenden Flügel lassen das große Tier zwischen Gräsern, Stauden und Blättern erstaunlich stark mit seiner Umgebung verschmelzen.

Wird es dennoch entdeckt, stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung:

● regungslos bleiben und auf die Tarnung vertrauen

● klettern

● springen

● bei stärkerer Störung wegfliegen

Mit seinen kräftigen Mandibeln kann ein großes Heupferd sich außerdem wehren. Es sollte deshalb nicht unnötig mit den Fingern festgehalten werden.

 

Welche Gefahren bestehen?

Das Große Grüne Heupferd gehört gegenwärtig nicht zu den gefährdeten Heuschreckenarten in Rheinland-Pfalz. In der dortigen Roten Liste wird es als sehr häufig geführt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass einzelne Populationen unabhängig von ihrem Lebensraum sind. Entscheidend sind ausreichend strukturreiche Vegetation, geeignete Säume, Brachen, Hecken und andere Lebensräume.

Natürliche Feinde sind zahlreich. Heupferde werden unter anderem von verschiedenen Vögeln erbeutet; auch andere Wirbeltiere und räuberische Gliederfüßer können ihnen nachstellen. Für verschiedene Vogelarten ist Tettigonia viridissima als Beute dokumentiert.

Vom Menschen können Gefahren unter anderem durch Lebensraumverlust, intensive Bewirtschaftung, häufige Mahd sowie Pflanzenschutzmittel ausgehen. Bei Insektiziden können grundsätzlich auch Nichtzielinsekten betroffen sein. Bei einem konkreten geschwächten oder toten Heupferd lässt sich eine Pestizidvergiftung allerdings ohne entsprechende Untersuchung nicht feststellen.

 

Welche Bedeutung hat das Große Grüne Heupferd für andere Tiere?

Das Große Grüne Heupferd befindet sich gleichzeitig auf beiden Seiten des Nahrungsnetzes.

Es ist Jäger – und es ist Beute.

Als Räuber erbeutet es andere Insekten und kann dadurch deren Bestände mitregulieren.

Gleichzeitig stellen Nymphen und erwachsene Heupferde eine große, proteinreiche Beute für andere Tiere dar. Damit wird die in Insekten gespeicherte Energie an höhere Ebenen des Nahrungsnetzes weitergegeben.

Auch nach dem Tod endet diese Funktion nicht: Aasfressende Insekten und anschließend Mikroorganismen können den Körper verwerten und seine Nährstoffe wieder in den Stoffkreislauf überführen.

 

Wo finde ich das Große Grüne Heupferd an den Moselweinbergen?

An der Mosel würde ich nicht zuerst mitten in einer vegetationsarmen Rebzeile suchen, sondern an den strukturreicheren Übergängen der Weinbergslandschaft.

Besonders geeignet sind:

● hochwüchsige, nicht frisch gemähte Wegränder

● gras- und staudenreiche Weinbergsbrachen

● Gebüsche zwischen oder oberhalb von Weinbergen

● Hecken und Gehölzränder

● Böschungen mit höherer Vegetation

● Übergänge zwischen Weinberg, Grünland und Gehölzen

Für die Suche ist Juli bis September besonders geeignet. Häufig ist es einfacher, zunächst ein Männchen zu hören, statt das hervorragend getarnte Tier zu sehen.

Historische Untersuchungen aus Rheinland-Pfalz dokumentieren das Große Grüne Heupferd beispielsweise in Landschaften mit Weinbergsbrachen, Gebüschen und Offenlandstrukturen.

 

Kann das Große Grüne Heupferd auch in meinem Garten leben?

Ja – ausgesprochen gut sogar.

Gärten gehören zu den bekannten Lebensräumen der Art.

Besonders attraktiv sind Gärten mit:

● höheren Gräsern und Stauden

● Hecken und Sträuchern

● wenig intensiv gepflegten Bereichen

● einem ausreichenden Angebot anderer Insekten

● ungestörten Bodenbereichen, in denen Eier verbleiben können

Ein ausschließlich kurz gemähter Rasen bietet dagegen wesentlich weniger geeignete Strukturen.

 

Welche ökonomische Funktion hat das Große Grüne Heupferd?

Eine unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung besitzt die Art in Mitteleuropa kaum.

Da sie zahlreiche andere Insekten frisst, kann sie als natürlicher Prädator grundsätzlich zur Regulation anderer Gliederfüßer beitragen. Man sollte daraus allerdings keinen konkreten wirtschaftlichen Nutzen oder eine bestimmte Schädlingsbekämpfungsleistung ableiten, solange diese nicht für den jeweiligen Agrarraum quantifiziert wurde.

Das Große Grüne Heupferd gilt bei uns normalerweise nicht als bedeutender landwirtschaftlicher Schädling.

 

Welche ökologische Funktion hat das Große Grüne Heupferd?

Ökologisch ist seine Rolle wesentlich bedeutender als ökonomisch.

Es verbindet verschiedene Ebenen des Nahrungsnetzes:

Pflanzen und kleinere Gliederfüßer → Großes Grünes Heupferd → größere Räuber beziehungsweise Aasverwerter.

Als Räuber beeinflusst es andere Insektenpopulationen. Als Beutetier ernährt es Vögel und andere Tiere. Nach seinem Tod wird seine Biomasse von Aasfressern und Zersetzern weiterverwertet.

Gerade dadurch zeigt diese große Heuschrecke sehr anschaulich, dass ein Insekt niemals isoliert in einer Landschaft lebt.

 

Gibt es mythologische, religiöse oder esoterische Bedeutungen?

Hier ist wissenschaftliche Zurückhaltung angebracht.

Für das Große Grüne Heupferd als konkrete Art Tettigonia viridissima gibt es im mitteleuropäischen Kulturraum keine bedeutende, eindeutig überlieferte eigenständige religiöse oder mythologische Symbolik, die mit beispielsweise der des Skarabäus oder der Honigbiene vergleichbar wäre.

Heuschrecken allgemein besitzen dagegen eine umfangreiche Kulturgeschichte. In der Bibel erscheinen Heuschreckenschwärme beispielsweise als zerstörerische Plage. Diese Überlieferungen beziehen sich jedoch auf wandernde, massenhaft auftretende Kurzfühlerschrecken und dürfen nicht einfach auf unser Großes Grünes Heupferd übertragen werden.

Moderne esoterische Internetdeutungen schreiben grünen Heuschrecken gelegentlich Bedeutungen wie Glück, Veränderung, Wachstum oder einen „Sprung nach vorn“ zu. Das sind moderne symbolische Interpretationen und keine zoologischen Eigenschaften oder gesichert überlieferten Bedeutungen speziell von Tettigonia viridissima.

Vielleicht liegt die passendste Bedeutung deshalb gar nicht in einer alten Mythologie, sondern unmittelbar vor unseren Augen:

Ein Tier, das trotz seiner Größe im Grün beinahe unsichtbar wird – und dessen lauter Gesang uns oft erst darauf aufmerksam macht, wie viel Leben sich in einer Wiese, einem Garten oder am Rand eines Weinbergs verbirgt.

 

 

Von der Heuschrecke zu den Wespen – Vespula als Verwerter im Naturkreislauf

 

Unsere Beobachtung des Großen Grünen Heupferdes endete nicht mit seinem Tod. Etwa drei Stunden nachdem wir das geschwächte Tier in einen Grünbereich gebracht hatten, waren Wespen an seinem Körper zu beobachten. Die im Verhältnis zum Heupferd kleinen Insekten zerlegten den Körper und entnahmen verwertbares Gewebe. Damit beginnt ein zweiter Teil unserer Naturbeobachtung: Wer sind diese Wespen – und warum ist ein totes Großes Grünes Heupferd für sie interessant?

 

Welche Wespen sehen wir auf unserem Foto?

Auf unserem Foto sind typische schwarz-gelb gezeichnete soziale Faltenwespen zu erkennen. Körperform, Färbung und das beobachtete Verhalten sprechen dafür, dass die Tiere zur Gattung Vespula gehören – den sogenannten Kurzkopfwespen.

In Deutschland gehören dazu unter anderem die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) und die Deutsche Wespe (Vespula germanica). Beide Arten sind häufig und suchen tierische Proteinquellen auf. Der NABU beschreibt für beide Arten neben süßen Nahrungsquellen ausdrücklich Fliegen, Mücken und andere Kleininsekten als Nahrung; Proteine werden insbesondere für die Aufzucht der Brut benötigt.

Eine Artbestimmung allein anhand unseres Fotos wäre jedoch nicht wissenschaftlich sicher. Für die Unterscheidung von Gemeiner und Deutscher Wespe ist insbesondere eine scharfe Aufnahme des Kopfes beziehungsweise des Kopfschildes, des sogenannten Clypeus, hilfreich. Bei der Deutschen Wespe finden sich dort typischerweise ein bis drei schwarze Punkte, bei der Gemeinen Wespe meist ein nach unten verbreiterter schwarzer Längsstrich. Allerdings können die Zeichnungen variieren.

Wir bezeichnen die Tiere deshalb im Folgenden wissenschaftlich vorsichtig als:

Wespen der Gattung Vespula, wahrscheinlich Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) oder Deutsche Wespe (Vespula germanica).

(vgl. https://www.aktion-wespenschutz.de/Interaktive%20Hilfe/FAQ/15-Wespenart/Wespenart.htm)

 

Wie leben Vespula-Wespen – einzeln oder gemeinsam?

Anders als das Große Grüne Heupferd führen diese Wespen kein überwiegend einzelgängerisches Leben. Sie sind staatenbildende Insekten.

Ein Wespenstaat besteht aus einer Königin und – im Verlauf des Sommers – zahlreichen Arbeiterinnen. Später entstehen zusätzlich Männchen und junge Königinnen.

Das Bemerkenswerte daran: Ein solcher Staat besteht nur ein Jahr. Bei der Deutschen und Gemeinen Wespe stirbt das Volk zum Ende der Saison ab. Nur die begatteten Jungköniginnen überleben und können im folgenden Frühjahr jeweils einen neuen Staat gründen. Auch der Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz beschreibt Vespula germanica und Vespula vulgaris ausdrücklich als Arten mit einjährigen Staaten.

● Lebensweise: sozial, in einem Wespenstaat

● Königin: gründet im Frühjahr das Volk und legt Eier

● Arbeiterinnen: versorgen Nest, Königin und Brut, beschaffen Nahrung und verteidigen das Nest

● Männchen: dienen der Fortpflanzung

● Jungköniginnen: werden gegen Ende der Saison erzeugt und überwintern nach der Paarung

● Überwinterung: nicht als gesamtes Volk, sondern ausschließlich durch begattete Jungköniginnen

 

Wo bauen die Wespen ihren Staat auf?

Gemeine und Deutsche Wespe gehören zu den Dunkelhöhlenbrütern.

Die Gemeine Wespe nutzt beispielsweise ehemalige Mäuse- oder Maulwurfsbauten, aber auch Hohlräume in Gebäuden, unter Dächern oder in Rollladenkästen. Ähnlich anpassungsfähig ist die Deutsche Wespe. Auch sie nutzt Erdhöhlen sowie dunkle Hohlräume an und in Gebäuden.

Das eigentliche Nest besteht aus einer papierartigen Masse.

Dafür raspeln die Tiere Holzfasern ab, vermischen sie mit Speichel und verarbeiten das Material zu Waben und Nesthülle. Es handelt sich also tatsächlich um eine Art selbst produziertes Papier.

(vgl. https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/artenschutz/wespen.pdf)

 

Wie entsteht aus einer einzigen Königin ein ganzer Wespenstaat?

Im Frühjahr beginnt alles mit einer einzigen überwinterten Königin.

Sie sucht einen geeigneten Nistplatz, baut zunächst selbst einige Wabenzellen, legt Eier und versorgt die ersten daraus hervorgehenden Larven.

Aus diesen ersten Brutzellen schlüpfen schließlich Arbeiterinnen.

Damit verändert sich das Leben der Königin grundlegend. Die Arbeiterinnen übernehmen zunehmend Nestbau, Nahrungssuche, Versorgung der Larven und Verteidigung. Die Königin konzentriert sich hauptsächlich auf die Eiablage.

Der Staat wächst.

Bei Deutscher und Gemeiner Wespe können große Völker mehrere Tausend Individuen umfassen.

 

Welche Sinnesorgane benutzen Wespen?

Wespen verfügen über mehrere hoch entwickelte Sinnessysteme.

Die großen Facettenaugen dienen der visuellen Orientierung und ermöglichen unter anderem die Wahrnehmung von Bewegungen.

Hinzu kommen drei kleine Punktaugen – die Ocellen – auf der Oberseite des Kopfes. Sie unterstützen insbesondere die Wahrnehmung der Lichtverhältnisse.

Von großer Bedeutung sind außerdem die Fühler. Sie besitzen zahlreiche Sinneszellen und dienen unter anderem der Wahrnehmung chemischer Stoffe, von Gerüchen und mechanischen Reizen.

Auch die Kommunikation innerhalb des Wespenstaates beruht zu einem erheblichen Teil auf chemischen Signalen.

 

Wie unterscheiden sich Königin, Arbeiterin und Männchen?

Hier müssen wir anders denken als beim Großen Grünen Heupferd. Bei sozialen Wespen gibt es nicht lediglich Weibchen und Männchen. Die weiblichen Tiere treten in zwei funktionell unterschiedlichen Formen auf: Königin und Arbeiterinnen.

Bei der Gemeinen Wespe (Vespula vulgaris) werden folgende Größen angegeben:

● Königin: etwa 16 bis 19 Millimeter

● Arbeiterin: etwa 11 bis 14 Millimeter

● Männchen: etwa 13 bis 17 Millimeter

Bei der Deutschen Wespe (Vespula germanica) sind die Größen ähnlich:

● Königin: etwa 17 bis 20 Millimeter

● Arbeiterin: etwa 12 bis 16 Millimeter

● Männchen: etwa 13 bis 17 Millimeter

Königinnen wirken durch ihren größeren Hinterleib kräftiger. Arbeiterinnen sind kleinere Weibchen.

Auch anatomisch lassen sich die Geschlechter unterscheiden.

Weibliche Tiere – also Königinnen und Arbeiterinnen – besitzen zwölf Fühlerglieder und sechs von außen sichtbare Hinterleibssegmente. Außerdem verfügen sie über einen Stachelapparat.

Männchen besitzen dagegen 13 Fühlerglieder und sieben sichtbare Hinterleibssegmente. Sie besitzen keinen Wehrstachel.

 

Wie pflanzen sich Wespen fort?

Gegen Ende des Sommers verändert sich die Produktion im Wespenstaat.

Nun werden nicht mehr ausschließlich Arbeiterinnen erzeugt. Es entstehen Männchen und fortpflanzungsfähige Jungköniginnen.

Diese verlassen das Nest und paaren sich. Die Männchen sterben anschließend. Auch die alte Königin und die Arbeiterinnen des bisherigen Staates sterben im Herbst beziehungsweise mit zunehmender Kälte.

Die begattete Jungkönigin dagegen sucht einen geschützten Platz und überwintert.

Im kommenden Frühjahr beginnt mit ihr alles von Neuem.

Es gibt deshalb keine kontinuierliche „Wespendynastie“ in demselben Nest. Jedes Frühjahr muss ein neuer Staat gegründet werden.

 

Wie lange lebt eine Wespe?

Eine allgemeine Altersangabe für „die Wespe“ wäre irreführend, weil Königin, Arbeiterinnen und Männchen sehr unterschiedliche Lebensspannen haben.

Arbeiterinnen leben im Sommer typischerweise nur einige Wochen. Männchen leben ebenfalls vergleichsweise kurz und sterben nach der Fortpflanzungsphase.

Die Königin besitzt die längste Lebensspanne. Eine im Spätsommer beziehungsweise Herbst entstandene Jungkönigin kann überwintern, im folgenden Frühjahr einen Staat gründen und bis zum Herbst leben. Damit kann ihre Lebensdauer ungefähr ein Jahr erreichen.

Entscheidend ist also:

Der Wespenstaat lebt einen Sommer – die Königin verbindet zwei Sommer miteinander.

 

Wie sieht das Wespenjahr aus?

● Herbst/Winter: Begattete Jungköniginnen überwintern an geschützten Orten. Das alte Volk stirbt.

● Frühjahr: Die Königin erwacht, sucht einen Nistplatz und beginnt allein mit dem Nestbau.

● Frühjahr/Frühsommer: Die ersten Arbeiterinnen schlüpfen und übernehmen zunehmend die Versorgung des Staates.

● Sommer: Das Volk wächst stark. Arbeiterinnen sammeln Nahrung und tierisches Protein für die Larven.

● Spätsommer: Das Volk erreicht eine hohe Individuenzahl. Neue Königinnen und Männchen entstehen.

● Spätsommer/Herbst: Paarung der Geschlechtstiere.

● Herbst: Arbeiterinnen, Männchen und alte Königin sterben. Die begatteten Jungköniginnen suchen ihre Überwinterungsplätze.

Für Deutsche und Gemeine Wespe beschreibt der NABU einen Lebenszyklus ungefähr von Mai bis Mitte Oktober, wobei die Saison witterungsabhängig auch länger dauern kann.

 

Was fressen Wespen?

Hier liegt der Schlüssel zu unserer Beobachtung am Großen Grünen Heupferd.

Erwachsene Wespen und Wespenlarven besitzen unterschiedliche Ernährungsbedürfnisse.

Die erwachsenen Tiere benötigen vor allem Kohlenhydrate als Energiequelle. Sie nutzen beispielsweise Nektar, Pflanzensäfte, reifes Obst und Honigtau von Blattläusen.

Die Larven benötigen dagegen viel Protein.

Und dieses Protein beschaffen die Arbeiterinnen.

● Fliegen

● Mücken

● Raupen

● andere Insekten und Gliederfüßer

● tierisches Gewebe beziehungsweise Aas

Der NABU beschreibt ausdrücklich, dass die Kohlenhydrate der süßen Nahrung der Eigenversorgung der Gemeinen und Deutschen Wespe dienen, während proteinreiche Nahrung zur Aufzucht der Brut benötigt wird.

Damit verstehen wir nun auch unser Foto.

 

Warum können kleine Wespen ein Großes Grünes Heupferd zerlegen?

Das Große Grüne Heupferd ist wesentlich größer als eine einzelne Vespula-Arbeiterin.

Die Wespe muss das Heupferd jedoch nicht als Ganzes transportieren.

Sie besitzt kräftige Mandibeln – ihre Kiefer beziehungsweise Mundwerkzeuge. Damit kann sie tierisches Gewebe bearbeiten und kleine Portionen abtrennen.

Auch der Chitinpanzer der Heuschrecke bildet keine vollkommen geschlossene Rüstung. Zwischen den festen Körperplatten liegen weichere Gelenkhäute; hinzu kommen Körperöffnungen und nach dem Tod beziehungsweise einer Verletzung möglicherweise bereits zugängliche Stellen.

Die Arbeiterinnen können dort ansetzen.

Sie zerkleinern geeignetes tierisches Material und transportieren Portionen zum Nest.

Damit wird aus einem für eine einzelne Wespe viel zu großen Insektenkörper eine Vielzahl kleiner Nahrungspakete für die Brut.

Genau diesen Vorgang dürften unsere Fotos dokumentieren.

 

Beanspruchen Wespen Reviere?

Nicht im Sinne eines fest abgegrenzten Jagdreviers, wie wir es beispielsweise von manchen Wirbeltieren kennen.

Das Zentrum des Wespenlebens ist das Nest. Von dort fliegen die Arbeiterinnen in die Umgebung und suchen Nahrung, Wasser und Baumaterial.

Ergiebige Nahrungsquellen können wiederholt aufgesucht werden. Deshalb kann auch ein Insektenkadaver innerhalb kurzer Zeit von mehreren Arbeiterinnen genutzt werden.

Verteidigt wird vor allem der unmittelbare Nestbereich. Hier können soziale Wespen auf vermeintliche Bedrohungen reagieren.

 

Wie tarnen und verteidigen sich Wespen?

Die Wespe setzt gerade nicht auf Tarnung.

Ihre auffällige gelb-schwarze Zeichnung wird als Warnfärbung verstanden. Sie signalisiert potenziellen Angreifern Wehrhaftigkeit.

Weibliche Tiere besitzen außerdem einen Stachel.

Dieser entwickelte sich im Verlauf der Evolution aus dem Eiablageapparat. Das erklärt zugleich, warum männliche Wespen nicht stechen können.

Der Stachel dient insbesondere der Verteidigung. Wespen können ihn mehrfach einsetzen.

 

Wo kommen Vespula-Wespen vor – auch in Rheinland-Pfalz?

Gemeine und Deutsche Wespe sind in Mitteleuropa weit verbreitete Arten und kommen selbstverständlich auch in Rheinland-Pfalz und im Moselraum vor.

Sie sind ausgesprochen anpassungsfähig und besiedeln sowohl natürliche als auch vom Menschen geprägte Landschaften.

Für Rheinland-Pfalz können Beobachtungen über den ArtenFinder dokumentiert und räumlich ausgewertet werden. Das Landesamt für Umwelt weist ausdrücklich auf diese Möglichkeit zur Erfassung der heimischen Tierwelt hin.

(vgl. https://artenfinder.rlp.de/)

 

Wo finde ich Wespen an den Weinbergen der Mosel?

Praktisch überall dort, wo sie geeignete Nahrung finden.

Besonders interessant sind:

● blütenreiche Weinbergsränder

● Säume und Brachen

● Hecken und Gebüsche

● Trockenmauern und andere Hohlraumstrukturen

● Bereiche mit reifem oder beschädigtem Obst

● Stellen mit vielen anderen Insekten

● Totholz als Quelle von Holzfasern für den Nestbau

Ein Weinberg ist für eine Wespe also nicht nur ein möglicher Nahrungsraum. Seine Randstrukturen können Jagdgebiet, Sammelplatz und – abhängig von vorhandenen Hohlräumen – auch Umgebung eines Nestes sein.

 

Gibt es Vespula-Wespen auch im Garten?

Ja – sehr häufig.

Ein strukturreicher Garten bietet ihnen gleich mehrere Ressourcen: Blüten liefern Nektar, Blattläuse Honigtau, andere Insekten tierisches Protein und Holz liefert Baumaterial.

Auch Fallobst ist im Spätsommer eine attraktive Nahrungsquelle.

Dass Deutsche und Gemeine Wespe zugleich menschliche Speisen aufsuchen, erklärt einen großen Teil ihres schlechten Rufes. Unter den heimischen sozialen Wespen sind gerade diese beiden Arten besonders häufig an unserem Essen anzutreffen.

 

Welche Feinde haben Wespen?

Auch eine wehrhafte Wespe steht auf dem Speiseplan anderer Tiere.

Besonders interessant ist der Wespenbussard (Pernis apivorus). Wie schon sein Name andeutet, gehören Wespen beziehungsweise deren Brut zu seiner Nahrung. Er kann Wespennester ausgraben und Larven sowie Puppen fressen. Der Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz nennt Vespula germanica und Vespula vulgaris ausdrücklich als wesentliche Wespenarten für den Wespenbussard.

Daneben gibt es weitere Wirbeltiere und Gliederfüßer, die Wespen oder ihre Brut erbeuten.

 

Sind Gemeine und Deutsche Wespe gefährdet?

Diese beiden Arten gehören nicht zu den seltenen Wespen, um die man sich aus populationsbiologischer Sicht besondere Sorgen machen müsste.

Problematischer ist vielmehr unser häufig pauschaler Umgang mit „den Wespen“.

Deutschland besitzt eine große Vielfalt von Wespenarten, von denen viele Menschen kaum wahrgenommen werden. Nicht jede gelb-schwarze Wespe ist eine Deutsche oder Gemeine Wespe.

Deshalb sollte ein Nest nicht allein aufgrund der Anwesenheit von Wespen beseitigt werden. Art, Neststandort und tatsächliches Konfliktpotenzial sollten zunächst geklärt werden.

 

Welche ökonomische Funktion haben Wespen?

Eine direkte wirtschaftliche Bewertung ist schwierig. Dennoch erbringen Wespen Leistungen, die auch für den Menschen von Bedeutung sein können.

Da ein großes Wespenvolk während seiner Entwicklung erhebliche Mengen anderer Insekten erbeutet, wirken soziale Wespen als natürliche Prädatoren.

Darunter befinden sich auch Arten, die Menschen in Landwirtschaft, Gartenbau oder Haushalt als Schädlinge beziehungsweise Lästlinge betrachten.

Eine konkrete Geldsumme sollte man dieser Leistung allerdings nicht ohne belastbare Untersuchungen zuschreiben.

 

Welche ökologische Funktion haben Wespen?

Ihre ökologische Bedeutung ist wesentlich größer als ihr Ruf vermuten lässt.

Sie sind Räuber, Beute, Aasverwerter und teilweise Blütenbesucher.

Als Jäger beeinflussen sie Populationen anderer Insekten.

Als Nahrung dienen sie wiederum anderen Tieren.

Beim Blütenbesuch können sie zur Bestäubung beitragen, auch wenn sie dabei nicht die gleiche Spezialisierung wie beispielsweise Honigbienen besitzen.

Und schließlich übernehmen sie eine Funktion, die unsere Beobachtung besonders anschaulich dokumentiert:

Sie verwerten tote Tiere.

Das Große Grüne Heupferd verschwindet dadurch nicht einfach aus dem Ökosystem. Seine Biomasse wird weitergegeben.

Großes Grünes Heupferd → Wespenarbeiterin → Wespenlarve.

Später kann wiederum eine Wespe oder ihre Larve einem anderen Tier als Nahrung dienen.

Ein Nahrungsnetz hat keinen wirklichen Anfang und kein endgültiges Ende.

 

Gibt es religiöse, mythologische oder esoterische Bedeutungen der Wespe?

Wespen besitzen keine mit der Honigbiene vergleichbare durchgehende positive Symboltradition.

In verschiedenen kulturellen Deutungen stehen sie wegen ihres Stachels und ihrer Wehrhaftigkeit eher für Abwehr, Aggression, Gefahr oder Verteidigungsbereitschaft. Moderne esoterische Interpretationen schreiben ihnen darüber hinaus Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Ordnung oder Gemeinschaft zu.

Solche Bedeutungen dürfen jedoch nicht als zoologische Erkenntnisse ausgegeben werden.

Vielleicht ist die tatsächliche Biologie ohnehin interessanter.

Eine einzelne Arbeiterin ist klein.

Allein könnte sie weder einen großen Staat errichten noch dauerhaft erhalten.

Doch Tausende Tiere übernehmen unterschiedliche Aufgaben – Nestbau, Brutpflege, Nahrungssuche, Verteidigung und Fortpflanzung.

Und auf unseren Bildern erledigen einige dieser Arbeiterinnen eine weitere Aufgabe.

Sie beseitigen einen Kadaver.

 

Vom Großen Grünen Heupferd bleibt eine zweite Geschichte

 

Damit schließt sich der Kreis unserer Beobachtung.

Wir fanden ein Großes Grünes Heupferd an einem ungewöhnlichen Ort. Wir beobachteten ein auffällig geringes Fluchtverhalten. Wir brachten das Tier ins Grün. Eineinhalb Stunden später lag es auf der Seite. Nach ungefähr drei Stunden waren Wespen an seinem Körper.

Warum das Heupferd starb, können wir nicht beweisen.

Warum die Wespen kamen, können wir dagegen ziemlich gut erklären.

Für uns war dort ein Großes Grünes Heupferd gestorben.

Für die Wespen war an derselben Stelle eine wertvolle Proteinquelle entstanden.

Und vielleicht zeigt gerade diese zweite Hälfte unserer Beobachtung besonders deutlich, wie unterschiedlich Natur betrachtet werden kann:

Was für das eine Tier das Ende ist, wird für das nächste zur Nahrung – und damit zum Anfang neuen Lebens.

 

 

 

Alle Texte zum Thema „NaturEREIGNISbegleiter / Lebendige Moselweinberge“ finden Sie unter:
https://www.trierer-umschau.de/netzwerk/naturereignisbegleiter/

 

 

Text: Christoph Maisenbacher (KI-supported) – 3. Oktober 2026
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
SEO & Social-Media-Support: ChatGPT
Foto 1: © Trierer Umschau – Logo: © DLR Mosel – Foto 2: © Trierer Umschau – Foto 3 und 4: Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau

Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter:
https://www.trierer-umschau.de/2026-10-03-bb/

Die Text-Folge „Lebendige Moselweinberge“ ist Dauno gewidmet:
vgl. https://www.trierer-umschau.de/2025-11-03-ba/