Blick über die Sahellandschaft im Raum El Fasher und Zamzam in Nord-Darfur. Die Illustration dient der geografischen Orientierung und zeigt den Landschaftscharakter der Region.
Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau
Der rote Punkt markiert die Lage von El Fasher und Zamzam in Nord-Darfur im Sudan auf der Weltkugel.
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Atlas-Karte des Sudan und seiner Nachbarländer mit der geografischen Einordnung von Nord-Darfur sowie El Fasher und Zamzam.
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WELTORIENTIERUNG – MENSCHSEIN & VEREINTE NATIONEN / SUDAN

MENSCHSEIN: Sexuelle Gewalt im Sudan – was der UN-Bericht über das Leid von Frauen und Mädchen dokumentiert

Vergewaltigung, sexuelle Versklavung, Gewalt auf der Flucht: Ein UN-Bericht dokumentiert, was Frauen und Mädchen im Sudan erleiden. MENSCHSEIN fragt, was von Menschenwürde bleibt, wenn der Körper einer Frau zum Mittel der Machtausübung wird.

 

Eine Mutter bittet darum, ihre Tochter nicht zu vergewaltigen

 

Eine Mutter bittet bewaffnete Männer, ihre Tochter nicht zu vergewaltigen.

Sie wird erschossen.

Danach vergewaltigen mehrere Männer ihre Tochter.

Ein anderes Mädchen muss mitansehen, wie ihre jüngere Schwester von mehreren Männern vergewaltigt wird. Später wird das Mädchen tot aufgefunden. Es ist an den Verletzungen gestorben, die ihm zugefügt wurden.

Auch schwangere Frauen werden vergewaltigt.

Das sind keine erfundenen Szenen. Keine literarische Zuspitzung. Keine Bilder, die wir gewählt haben, um einen besonders drastischen Einstieg in einen Artikel zu finden.

Es sind Fälle aus dem Sudan, die das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte – kurz OHCHR – dokumentiert hat.

(vgl. https://www.ohchr.org/en/documents/country-reports/ohchr-report-devastating-human-rights-impacts-conflict-related-sexual)

Und vielleicht müssen wir genau hier beginnen.

Nicht mit Geopolitik.

Nicht mit den Interessen der Kriegsparteien.

Nicht mit Grenzen.

Nicht mit Waffenlieferungen.

Nicht einmal mit Opferzahlen.

Sondern mit einem Menschen, der einem anderen Menschen vollkommen ausgeliefert ist.

Mit einer Frau.

Mit einem Mädchen.

Mit einem Kind.

 

MENSCHSEIN: Was ist eine Frau wert?

 

Was ist eine Frau wert?

Diese Frage sollte im Jahr 2026 absurd erscheinen.

Sie ist es nicht.

Im Sudan kann die Antwort für eine Frau oder ein Mädchen davon abhängen, welchem bewaffneten Mann sie begegnet. Welche Uniform dieser trägt. Welcher Bevölkerungsgruppe sie zugerechnet wird. Ob ihr Vater, Bruder oder Ehemann einer bestimmten Konfliktpartei zugerechnet wird. Ob sie sich in ihrem Haus befindet, auf der Flucht ist oder versucht, Wasser oder Nahrung für ihre Familie zu beschaffen.

Frauen und Mädchen werden nicht nur zufällig Opfer eines Krieges, der um sie herum stattfindet.

Das OHCHR dokumentiert Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, versuchte Vergewaltigungen, sexuelle Versklavung, Zwangsheirat, Zwangsprostitution, sexuelle Folter, erzwungene Nacktheit, sexuelle Übergriffe und Menschenhandel zum Zweck sexueller Gewalt. Die Vereinten Nationen erkennen darin wiederkehrende und systematische Muster und dokumentieren den koordinierten Einsatz sexueller Gewalt im Zusammenhang mit dem Krieg.

Der Körper einer Frau wird damit zum Mittel der Machtausübung.

Das ist der Punkt, an dem wir über Menschsein sprechen müssen.

Denn bevor eine Frau vergewaltigt werden kann, ohne dass ihr Wille irgendeine Bedeutung besitzt, muss etwas Entscheidendes geschehen:

Der Mensch muss im Blick des Täters verschwinden.

Zurück bleibt der Körper.

Ein Körper, den man benutzen kann.

Ein Körper, den man demütigen kann.

Ein Körper, mit dem man einen anderen Menschen, eine Familie oder eine ganze Gemeinschaft treffen kann.

Ein Körper, über den ein anderer verfügen zu können glaubt.

 

Der weibliche Körper als Schlachtfeld

 

Seit dem Ausbruch des Krieges am 15. April 2023 beobachtet das OHCHR, dass sexuelle Gewalt gemeinsam mit systematischen Angriffen auf die Zivilbevölkerung als Kriegstaktik eingesetzt wird.

Der Bericht beschreibt teilweise organisierte Abläufe. Täter kamen in Gruppen, häufig bewaffnet und mit Kampffahrzeugen. Aufgaben wurden verteilt: Einige sicherten Gebäude oder bewachten Eingänge, während andere sexuelle Gewalt ausübten.

Mehr als ein Viertel der vom OHCHR dokumentierten Vorfälle umfasste Gruppenvergewaltigungen. In mindestens einem dokumentierten Fall waren zehn oder mehr Täter an der Vergewaltigung eines einzelnen Opfers beteiligt. Angehörige, die versuchten einzugreifen, wurden in dokumentierten Fällen erschossen. Andere Opfer wurden vor den Augen ihrer Familien vergewaltigt.

Man kann dafür den Begriff „Kriegsstrategie“ verwenden.

Man kann von „konfliktbezogener sexueller Gewalt“ sprechen.

Man kann Abkürzungen benutzen: CRSV – Conflict-Related Sexual Violence.

All diese Begriffe sind notwendig.

Aber sie dürfen nicht verdecken, was sie beschreiben.

Mehrere Männer vergewaltigen gemeinsam einen Menschen.

Andere Männer stehen davor.

Sie bewachen den Eingang.

Sie verhindern die Flucht.

Die Tat wird damit nicht zum Kontrollverlust eines Einzelnen.

Sie kann Teil organisierter Machtausübung werden.

 

Frauen auf der Suche nach Wasser und Nahrung

 

Besonders deutlich wird das Ausgeliefertsein dort, wo Frauen und Mädchen nichts anderes tun, als zu versuchen, weiterzuleben.

Das OHCHR dokumentiert, dass Frauen und Mädchen angegriffen wurden, während sie lebensnotwendige Dinge beschafften: Wasser, Nahrung oder landwirtschaftliche Erzeugnisse. Gerade dort, wo humanitäre Hilfe fehlte, erhöhte sich ihre Gefährdung. Auch Frauen und Mädchen mit Behinderungen wurden Opfer sexueller Gewalt.

Eine Frau muss Wasser holen.

Ein alltäglicher Satz.

Bis aus dem Weg zum Wasser ein Weg wird, auf dem sie vergewaltigt werden kann.

Was bedeutet Freiheit unter solchen Bedingungen?

Was bedeutet Menschenwürde?

Und was bedeutet die immer wieder formulierte Forderung nach dem Schutz von Frauen, wenn eine Frau irgendwann entscheiden muss:

Gehe ich hinaus, weil meine Familie Wasser braucht?

Oder bleibe ich, weil draußen bewaffnete Männer stehen könnten?

Das ist Wehrlosigkeit.

Nicht als abstrakter Begriff.

Sondern als Lebenszustand.

 

Eingesperrt – und jede Nacht kommt jemand

 

Noch brutaler wird diese Wehrlosigkeit in den Fällen sexueller Versklavung.

Das OHCHR dokumentierte Orte, an denen bis zu 20 Menschen gemeinsam gefangen gehalten wurden. Aus einer solchen Gruppe holten RSF-Kämpfer dem Bericht zufolge Nacht für Nacht ein Opfer heraus, um es zu vergewaltigen.

In einem anderen dokumentierten Fall waren Zivilisten einem Angriff auf das Flüchtlingslager Zamzam zunächst entkommen. Sie wurden abgefangen, gewaltsam in das Lager zurückgebracht und anschließend wiederholt gruppenvergewaltigt – täglich.

Eine weitere Gruppe wurde zunächst zur Hinrichtung aufgestellt. Nachdem ein Kämpfer interveniert hatte, wurden die Menschen stattdessen in die Nähe von Nyala gebracht und dort drei Wochen gefangen gehalten. Mindestens eine Frau wurde während dieser Gefangenschaft von mehreren Männern vergewaltigt. Später stellte sie fest, dass sie durch die Vergewaltigung schwanger geworden war.

Auch hier lohnt es sich, nicht sofort weiterzulesen.

Jede Nacht wird ein Mensch herausgeholt.

Die anderen bleiben zurück.

Sie wissen, warum dieser Mensch herausgeholt wird.

Sie hören vielleicht, was geschieht.

Und sie wissen nicht, wer in der nächsten Nacht an der Reihe sein wird.

Was ist eine Frau in diesem Moment für denjenigen, der die Tür öffnet und auf sie zeigt?

Ein Mensch?

Eine Gefangene?

Beute?

Ein Sexualobjekt?

Ein Körper, über den er verfügen zu dürfen glaubt?

Vielleicht führt kein Weg an diesen Fragen vorbei.

 

838 Menschen – und die Vereinten Nationen sagen: „Spitze des Eisbergs“

 

Vom 15. April 2023 bis Mitte April 2026 verifizierte das OHCHR 546 Vorfälle konfliktbezogener sexueller Gewalt in 16 der 18 Bundesstaaten des Sudan.

Mindestens 838 Menschen waren davon betroffen:

539 Frauen.

284 Mädchen.

Acht Männer.

Sieben Jungen.

Darüber hinaus lagen dem OHCHR weitere 320 gemeldete Vorfälle vor, die noch überprüft wurden.

Doch nun kommt der vielleicht wichtigste Satz zu diesen Zahlen:

Das sind nicht die tatsächlichen Opferzahlen.

Das OHCHR bezeichnet die dokumentierten Fälle ausdrücklich als „tip of the iceberg“ – als Spitze des Eisbergs.

Das tatsächliche Ausmaß lässt sich nicht zuverlässig erfassen.

Menschen schweigen aus Angst vor Vergeltung. Opfer fürchten Stigmatisierung. Medizinische Einrichtungen und Schutzmechanismen fehlen. Telefon- und Internetverbindungen funktionieren nicht. Das Justizsystem ist teilweise nicht funktionsfähig. All das verhindert, dass Verbrechen gemeldet, untersucht und verifiziert werden können.

Die 838 dokumentierten Menschen sind deshalb keine Antwort auf die Frage:

Wie viele sind es?

Sie sind die Antwort auf eine andere Frage:

Wie viele konnte das OHCHR unter den Bedingungen dieses Krieges bislang verifizieren?

Wie viele Frauen und Mädchen tatsächlich vergewaltigt, verschleppt, misshandelt oder sexuell versklavt wurden, wissen wir nicht.

Und hinter der Dunkelziffer verschwinden wieder Menschen.

 

Nord-Darfur: El Fasher und Zamzam

 

Einer der Orte, an denen sich diese Gewalt besonders verdichtet, ist Nord-Darfur.

Hier liegt El Fasher, die Hauptstadt des Bundesstaates. Südlich davon befand sich das große Flüchtlingslager Zamzam.

Im April 2025 eskalierte die sexuelle Gewalt während der Offensive der Rapid Support Forces – RSF – auf Zamzam.

Allein im Zusammenhang mit der Offensive auf das Lager und den Fluchtrouten verifizierte OHCHR innerhalb etwa eines Monats Vorfälle mit 114 Opfern: 84 Frauen, 27 Mädchen und drei Jungen. Dokumentiert wurden Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, sexuelle Versklavung, versuchte Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe. Mindestens zwei Frauen und ein Mädchen starben nach Vergewaltigungen.

Menschen versuchten zu fliehen.

Und selbst die Flucht bedeutete nicht zwangsläufig Rettung.

Frauen wurden auf Fluchtrouten vergewaltigt. Menschen wurden entführt. Opfer berichteten, vor ihren Familien vergewaltigt worden zu sein.

Damit bekommt der Name Zamzam eine Bedeutung, die auf einer Weltkarte nicht sichtbar ist.

Ein Punkt auf der Karte.

Ein Flüchtlingslager.

Ein Ort in Nord-Darfur.

Und für manche Frauen ein Ort, an dem ein anderer Mensch entschied, dass ihr Körper ihm zur Verfügung stehe.

 

Wann hört es auf?

 

Vielleicht ist dies die einfachste Frage dieses Artikels.

Und gleichzeitig die schwierigste:

Wann hört es auf?

Wann hört der Augenblick auf, in dem ein Mensch einen anderen Menschen nicht mehr als Menschen betrachtet?

Wann hört es auf, dass Frauenkörper benutzt werden, um Macht auszuüben?

Wann hört es auf, dass Vergewaltigung zur Waffe wird?

Wann hört es auf, dass eine Frau Wasser holen muss und dabei darüber nachdenken muss, ob sie vergewaltigt werden könnte?

Wann hört es auf, dass ein Mädchen erleben muss, wie seine Schwester vergewaltigt wird?

Wann hört es auf, dass eine Mutter erschossen wird, weil sie versucht, ihre Tochter zu schützen?

Und wann hört es endlich auf, dass wir anschließend erklären, verurteilen, Resolutionen verabschieden und erneut versprechen:

Das darf nicht geschehen.

Denn es geschieht.

Weiter.

Immer wieder.

Immer noch.

 

Wenn Vergewaltigung zur Kriegswaffe wird

 

Was im Sudan geschieht, ist nicht nur moralisch unerträglich.

Es hat auch einen Namen im internationalen Recht.

Das OHCHR kommt für Darfur zu der Einschätzung, dass hinreichende Gründe für die Annahme bestehen, dass die Rapid Support Forces – RSF – und mit ihnen verbündete arabische Milizen Handlungen begangen haben, die Kriegsverbrechen darstellen. Dazu gehören Vergewaltigung und sexuelle Versklavung.

Aufgrund des Ausmaßes, der Wiederholung, der geografischen Verbreitung und des koordinierten Charakters bestimmter dokumentierter Taten sieht das OHCHR darüber hinaus Gründe für die Annahme, dass bestimmte Handlungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen könnten.

Und plötzlich steht dort dieses Wort:

Menschlichkeit.

Ausgerechnet dort, wo Menschen anderen Menschen das Menschsein nehmen.

Vielleicht beschreibt kein juristischer Begriff deutlicher, worum es hier geht.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind nicht nur Verbrechen gegen einzelne Frauen, einzelne Mädchen, einzelne Familien.

Der Begriff erinnert daran, dass dort etwas verletzt wird, das uns alle betrifft.

Die Vorstellung davon, was ein Mensch einem anderen Menschen niemals antun darf.

 

Der Krieg endet nicht im Körper der Überlebenden

 

Eine Vergewaltigung ist nicht vorbei, wenn der Täter von seinem Opfer ablässt.

Auch das macht der OHCHR-Bericht deutlich.

Viele der dokumentierten Opfer konnten innerhalb des medizinisch entscheidenden Zeitfensters von 72 bis 120 Stunden keine ausreichende Versorgung erhalten. Medikamente zur Vorbeugung einer HIV-Infektion, Notfallverhütung und andere lebensrettende Behandlungen waren nicht oder nicht rechtzeitig verfügbar.

Frauen und Mädchen erlitten schwere Verletzungen. Infektionen wurden teilweise erst festgestellt, nachdem die Betroffenen Fluchtorte erreicht hatten. Selbst dort fehlten Krankenhäusern mitunter die Möglichkeiten für notwendige Operationen und eine umfassende Behandlung.

Manche Frauen wurden durch Vergewaltigungen schwanger.

Andere starben an den Folgen der Gewalt.

Der jüngste vom OHCHR in diesem Zusammenhang dokumentierte Mensch, auf den der Bericht an anderer Stelle eingeht, war neun Jahre alt.

Und selbst wer körperlich überlebt, trägt das Geschehene möglicherweise ein Leben lang weiter.

Der Krieg kann für die Welt irgendwann beendet sein.

Im Körper und in der Erinnerung eines Menschen kann er weitergehen.

 

Und wir?

 

An dieser Stelle könnten wir den Blick abwenden.

Sudan.

Darfur.

El Fasher.

Zamzam.

Weit weg.

Ein Krieg in Afrika.

Andere politische Verhältnisse.

Andere gesellschaftliche Strukturen.

Andere Täter.

Andere Dimensionen der Gewalt.

Und tatsächlich wäre es falsch, das, was im Sudan geschieht, mit der Situation von Frauen in Deutschland oder der Europäischen Union gleichzusetzen.

Wir werden es nicht gleichsetzen.

Aber wir dürfen eine Frage stellen.

Wenn der Kern dieser Gewalt darin besteht, dass ein Mensch glaubt, über den Körper eines anderen Menschen verfügen zu dürfen:

 

Wo endet dieser Gedanke?

 

Endet er an der Grenze des Sudan?

Endet er mit dem Krieg?

Endet er dort, wo es Parlamente, Gerichte, Polizei, Frauenhäuser, Gleichstellungsgesetze und Menschenrechtskonventionen gibt?

Oder verändert er nur seine Erscheinungsform?

 

Europa: Rund 50 Millionen Frauen

 

Wir wechseln den Kontinent.

Nicht, um Gleiches zu behaupten.

Sondern um hinzusehen.

Die Europäische Union gehört zu den Regionen der Welt, in denen Gleichberechtigung, Menschenrechte und der Schutz vor Gewalt zu den erklärten gesellschaftlichen und rechtlichen Grundsätzen gehören.

Und dann steht da eine Zahl:

rund 50 Millionen.

Nach der gemeinsamen EU-Erhebung zu geschlechtsspezifischer Gewalt haben rund 50 Millionen Frauen zwischen 18 und 74 Jahren in der Europäischen Union im Erwachsenenalter körperliche Gewalt oder deren Androhung und/oder sexuelle Gewalt erlebt.

Das entspricht 31 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe.

Fast jeder dritten Frau.

(vgl. https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20241125-3)

Diese Zahl muss ebenso sorgfältig gelesen werden wie die Zahlen aus dem Sudan.

Sie bedeutet ausdrücklich nicht, dass 50 Millionen Frauen in der Europäischen Union vergewaltigt wurden.

Sie bedeutet auch nicht, dass 50 Millionen Frauen gegenwärtig Gewalt erleben.

Die Untersuchung erfasst Erfahrungen mit körperlicher Gewalt beziehungsweise deren Androhung und/oder sexueller Gewalt im Erwachsenenalter. Die Datenerhebung wurde zwischen 2020 und 2024 durchgeführt.

Aber auch nach dieser notwendigen Einordnung bleibt die Zahl stehen:

rund 50 Millionen Frauen.

 

Jede achte Frau

 

Dann wird die Statistik konkreter.

Nach derselben EU-Erhebung hat etwa jede achte Frau sexuelle Gewalt einschließlich Vergewaltigung durch einen Menschen erlebt, mit dem sie keine Partnerschaft führte.

Vier Prozent der Frauen berichteten von einer Vergewaltigung durch einen Nicht-Partner.

Und auch die Wohnung, die wir so gerne als geschützten privaten Raum verstehen, ist nicht für jede Frau ein sicherer Ort.

Von den Frauen, die irgendwann in einer Partnerschaft gelebt hatten, berichteten 18 Prozent über körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner.

Werden psychische Formen der Gewalt hinzugerechnet, waren es 32 Prozent.

Ein Drittel.

Nicht in einem Kriegsgebiet.

Nicht in einem Flüchtlingslager.

Nicht in Darfur.

In der Europäischen Union.

 

Der Raum des Konditionals

 

Vielleicht betreten wir genau hier jenen Raum, in dem wir uns als Gesellschaft eingerichtet haben.

Den Raum des Konditionals.

Frauen müssten geschützt werden.

Frauen sollten gleichberechtigt sein.

Kein Mensch dürfte über den Körper eines anderen Menschen verfügen.

Sexuelle Selbstbestimmung müsste selbstverständlich sein.

Gewalt dürfte keinen Platz haben.

Vergewaltigung dürfte nicht geschehen.

Alles richtig.

Alles beschlossen.

Alles formuliert.

Und während wir diese Sätze sprechen, wird irgendwo eine Frau geschlagen.

Eine andere wird bedroht.

Eine andere wird sexuell missbraucht.

Eine andere wird vergewaltigt.

Eine andere fürchtet sich vor dem Menschen, neben dem sie nachts im Bett liegt.

Das ist die unerträgliche Gleichzeitigkeit:

Wir haben den Respekt formuliert – und die Gewalt nicht beendet.

 

Nur jede vierte Frau spricht darüber

 

Und wieder gibt es eine Dunkelheit hinter den Zahlen.

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte – FRA – weist auf Grundlage der gemeinsamen EU-Erhebung darauf hin, dass Gewalt gegen Frauen vielfach unsichtbar bleibt.

Nur etwa jede vierte betroffene Frau wandte sich wegen eines Vorfalls an Polizei oder an soziale, gesundheitliche beziehungsweise andere Unterstützungsdienste.

(vgl. https://fra.europa.eu/el/news/2024/one-three-women-eu-have-experienced-violence)

Drei von vier nicht.

Warum?

Scham.

Angst.

Abhängigkeit.

Die Sorge, nicht ernst genommen zu werden.

Vielleicht die Hoffnung, dass es nicht wieder geschieht.

Vielleicht die Angst davor, was geschieht, wenn sie spricht.

Und plötzlich begegnet uns – unter vollkommen anderen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen – wieder etwas, das wir bereits im Sudan gesehen haben:

Das Sichtbare ist nicht alles.

Hinter jeder Statistik liegt ein Dunkelfeld.

Und im Dunkelfeld leben Menschen.

 

256.302 registrierte Sexualgewaltdelikte in einem Jahr

 

Auch die aktuelleren europäischen Polizeidaten geben keinen Anlass, die Frage für erledigt zu erklären.

Im Jahr 2024 registrierten die Polizeibehörden in der Europäischen Union 256.302 Sexualgewaltdelikte.

Darunter waren 98.190 registrierte Vergewaltigungsdelikte.

Gegenüber 2023 stieg die Zahl der polizeilich registrierten Sexualgewaltdelikte um fünf Prozent, die Zahl der registrierten Vergewaltigungen um sieben Prozent.

(vgl. https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20260429-2)

Auch diese Zahlen müssen korrekt gelesen werden.

Ein Anstieg polizeilich registrierter Fälle bedeutet nicht automatisch, dass die tatsächliche Gewalt im selben Umfang zugenommen hat. Eurostat weist ausdrücklich darauf hin, dass beispielsweise ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein dazu führen kann, dass mehr Betroffene Taten anzeigen.

Das ist wichtig.

Aber es ändert nichts daran, was hinter der Zahl 98.190 steht.

Registrierte Vergewaltigungsdelikte.

In einem Jahr.

In der Europäischen Union.

 

Der Sudan ist nicht Europa

 

Und deshalb müssen wir noch einmal innehalten.

Nein.

Der Sudan ist nicht Europa.

Eine Frau in Trier, Paris, Madrid oder Helsinki befindet sich nicht deshalb in derselben Situation wie eine Frau auf einer Fluchtroute zwischen El Fasher und Tawila.

Die organisierte konfliktbezogene sexuelle Gewalt, die das OHCHR im Sudan dokumentiert, darf nicht durch leichtfertige Vergleiche relativiert werden.

Aber vielleicht gibt es eine Frage, die Grenzen überschreitet:

Warum wird der weibliche Körper immer noch zum Ort von Macht?

Im Krieg kann diese Macht eine Uniform tragen.

Sie kann ein Maschinengewehr tragen.

Sie kann eine Frau verschleppen und einsperren.

Sie kann Vergewaltigung bewusst einsetzen, um eine Gemeinschaft zu terrorisieren.

In einer europäischen Gesellschaft kann Gewalt völlig anders aussehen.

Sie kann hinter einer Wohnungstür stattfinden.

In einer Partnerschaft.

Nach einer Trennung.

Am Arbeitsplatz.

Auf einer Straße.

In einem Chat.

In einem Schlafzimmer.

Die Dimensionen sind andere.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind andere.

Die Rechtsordnungen sind andere.

Aber eine Frage bleibt:

Wer glaubt, über wen verfügen zu dürfen?

 

Was ist eine Frau?

 

Und damit kehren wir zu unserer ersten Frage zurück.

Was ist eine Frau?

Ein Mensch.

Die Antwort könnte so einfach sein.

Sie müsste so einfach sein.

Und trotzdem erzählt die Geschichte der Gewalt gegen Frauen immer wieder davon, dass diese Selbstverständlichkeit außer Kraft gesetzt wird.

Dann wird aus einem Menschen ein Körper.

Aus einem Körper ein Objekt.

Aus einem Objekt etwas Verfügbares.

Etwas, das genommen werden kann.

Etwas, das kontrolliert werden kann.

Etwas, das bestraft werden kann.

Und im äußersten Fall:

etwas, das vernichtet werden kann.

Vielleicht beginnt die Gewalt nicht erst mit der erhobenen Hand.

Vielleicht beginnt sie dort, wo ein Mensch glaubt:

Du gehörst nicht ganz dir selbst.

 

Wann wird aus „müsste“ endlich „ist“?

 

Wir können weitere Konventionen verabschieden.

Weitere Gesetze schreiben.

Weitere Gedenktage begehen.

Weitere Erklärungen veröffentlichen.

All das kann notwendig sein.

Aber irgendwann muss aus dem Konditional Wirklichkeit werden.

Nicht:

Eine Frau müsste sicher sein.

Sondern:

Eine Frau ist sicher.

Nicht:

Ihr Körper dürfte niemand anderem gehören.

Sondern:

Ihr Körper gehört ihr.

Nicht:

Ihre Würde sollte unantastbar sein.

Sondern:

Ihre Würde ist unantastbar.

Vielleicht beginnt Menschsein genau dort:

Nicht beim Versprechen, den anderen Menschen zu respektieren.

Sondern in dem Augenblick, in dem wir es tun.

Immer.

Überall.

Ohne Bedingung.

 

Und Deutschland?

 

Wir könnten an dieser Stelle beim Sudan bleiben.

Vielleicht müssten wir es sogar.

Denn dieser Beitrag handelt von Frauen und Mädchen im Sudan. Von Vergewaltigung als Kriegswaffe. Von Ausgeliefertsein. Von Menschen, denen andere Menschen das Recht auf den eigenen Körper nehmen.

Aber nachdem wir nach Europa geblickt haben, dürfen wir Deutschland nicht einfach auslassen.

Auch hier gibt es Gewalt gegen Frauen.

2024 wurden in Deutschland 53.451 Frauen und Mädchen als Opfer von Sexualstraftaten polizeilich registriert. 187.128 Frauen und Mädchen wurden Opfer häuslicher Gewalt.

859 Frauen und Mädchen wurden Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte.

308 wurden getötet.

(vgl. https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/StraftatengegenFrauen/StraftatengegenFrauen_node.html)

Nein.

Deutschland ist nicht der Sudan.

Diese Unterschiede müssen bestehen bleiben.

Aber die deutschen Zahlen erlauben uns nicht, beruhigt auf einen anderen Kontinent zu zeigen und zu sagen:

Dort geschieht es.

Gewalt gegen Frauen ist auch unsere Wirklichkeit.

In anderer Form. Unter anderen Bedingungen. In einem Rechtsstaat, der Frauen schützen und Täter verfolgen soll.

Und trotzdem werden Frauen geschlagen.

Vergewaltigt.

Getötet.

Deshalb bleibt nach diesem Blick auf den Sudan eine Frage, die keine Grenze kennt:

 

Wann wird der Satz „Der Körper einer Frau gehört ihr“ endlich keine Forderung mehr sein?

 

Keine Hoffnung.

Kein Recht, das immer wieder verteidigt werden muss.

Sondern eine Selbstverständlichkeit.

Überall.

Auch im Sudan.

 

 

P.S. In eigener Sache: Warum wir so schreiben

 

Vielleicht ist es Ihnen beim Lesen wieder aufgefallen.

Kurze Sätze.

Manchmal nur wenige Worte.

Absätze, die abbremsen.

Gedanken, die allein stehen bleiben.

Sie kennen dieses Stilmittel bereits aus Beiträgen der Trierer Umschau.

Wir haben es auch diesmal bewusst eingesetzt.

Denn dieser Text behandelt ein Hauptthema, das schwer zu ertragen ist.

Schwer zu lesen.

Schwer zu verdauen.

Wir wollten die dokumentierte Gewalt nicht hinter langen Sätzen verstecken. Wir wollten Ihnen aber auch keine sprachliche Dramatik vorsetzen, die diese Gewalt erst künstlich vergrößern müsste.

Das ist nicht notwendig.

Die Wirklichkeit ist schlimm genug.

Deshalb lassen wir manche Sätze stehen.

Allein.

Damit der nächste nicht sofort kommt.

Damit ein Gedanke einen Augenblick bleiben darf.

Und vielleicht auch bleiben muss.

Auch wenn er schwer auszuhalten ist.

 

 

Vortext / Kommentar / Text: Christoph Maisenbacher (KI-supported) – 19. August 2026
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