Bonn am Rhein: Hier wurde im Juni 2026 bei der Klima-Vorkonferenz SB 64 über die Zukunft der internationalen Klimapolitik beraten. Doch die Klimakrise trifft auf eine Welt der Kriege und der Aufrüstung. Kann Klimaschutz ohne Frieden gelingen?
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Vom Konferenzort Bonn führt der Blick nach Osten: Das Kaspische Meer liegt zwischen Europa und Asien. In unserem Beitrag wird es zum Beispiel dafür, wie Klimakrise, internationale Interessen und die Frage nach Frieden miteinander verbunden sind.
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Fünf Staaten teilen sich die Küsten des Kaspischen Meeres: Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Aserbaidschan. Der sinkende Wasserspiegel macht deutlich, dass die Zukunft dieses gemeinsamen Naturraums nicht an Staatsgrenzen endet – und Zusammenarbeit notwendig wird.
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HALLO FRIEDEN & HELGA MERKELBACH

Hallo Frieden! Klimakrise und Krieg: Warum Klimaschutz ohne Frieden immer schwieriger wird

Kriege verschlingen Ressourcen, verursachen Emissionen und zerstören Vertrauen. Vor der COP 31 stellt unsere neue Text-Reihe „Hallo Frieden!“ deshalb eine unbequeme Frage: Kann die Welt die Erderhitzung begrenzen, während sie gleichzeitig weiter aufrüstet?

 

Wenn Kriege den Klimaschutz blockieren

 

Auf welcher Überholspur befinden wir uns?

Die COP 31 steht vor der Tür. Vom 9. bis 20. November 2026 werden sich die Staaten dieser Welt im türkischen Antalya erneut über Klimaschutz, CO₂-Reduzierung, Anpassung und die Umsetzung bereits gegebener Versprechen verständigen. Wieder werden Zahlen genannt werden. Ziele. Zeiträume. Finanzierungsmodelle.

(vgl. https://unfccc.int/cop31)

Und wieder wird die entscheidende Frage im Raum stehen:

Folgen den Worten Taten?

Werden die Hitzewellen dieses Sommers, die Waldbrände, die Ernteausfälle und die niedrigen Flusspegel einen anderen Stellenwert bekommen als zuvor?

Werden wir endlich auch über das sprechen, was bei all diesen Nachrichten häufig erst an zweiter oder dritter Stelle erscheint: über die Natur selbst?

Über ausgetrocknete Böden. Über Bäume, die der Hitze nicht mehr standhalten. Über Tiere, denen Wasser, Nahrung und Lebensräume fehlen. Über Flüsse, Seen und Meere, deren Ökosysteme sich verändern.

Und werden wir darüber sprechen, dass die Klimakrise nicht in einer friedlichen Welt stattfindet?

Dass während wir versuchen müssten, den Ausstoß von Treibhausgasen so schnell wie möglich zu verringern, gleichzeitig Städte bombardiert, Landschaften verwüstet, Energieanlagen zerstört, Waffen produziert und transportiert werden?

Dass Milliarden und Abermilliarden in eine Welt fließen, die sich auf Krieg vorbereitet oder bereits Krieg führt?

Die weltweiten Militärausgaben erreichten nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI im Jahr 2025 rund 2,887 Billionen US-Dollar. Es war das elfte Jahr in Folge, in dem die globalen Militärausgaben stiegen.

(vgl. https://www.sipri.org/publications/2026/sipri-fact-sheets/trends-world-military-expenditure-2025)

Vielleicht müssen wir deshalb noch eine andere Frage stellen:

Kann eine Welt das Klima retten, während sie gleichzeitig immer stärker aufrüstet?

 

Waffen können die Erderwärmung nicht auf 1,5 Grad erzwingen

 

Wir haben diesen Satz für unsere Textfolge „Hallo Frieden!“ schon einmal formuliert:

Waffen können die Erderwärmung nicht auf 1,5 Grad erzwingen.

Er ist kein Plädoyer dafür, die Sicherheitsängste von Menschen oder Staaten zu ignorieren.

Er ist eine Frage nach unseren Prioritäten.

Denn Frieden allein stoppt die Erderhitzung nicht.

Auch in einer friedlichen Welt müssten Kohlekraftwerke abgeschaltet, Öl und Gas ersetzt, Wälder erhalten, Moore geschützt, Landwirtschaft verändert, Energie gespart und unsere Art zu produzieren und zu konsumieren grundsätzlich überdacht werden.

Aber Krieg macht all das schwerer.

Krieg verbraucht Ressourcen.

Krieg erzeugt Emissionen.

Krieg zerstört.

Krieg zwingt Staaten, ihre Aufmerksamkeit auf das unmittelbare Überleben, auf Verteidigung und militärische Stärke zu richten.

Auch SIPRI verweist darauf, dass hohe Militärausgaben Ressourcen von gesellschaftlichen Aufgaben abziehen können und militärische Aktivitäten durch Treibhausgasemissionen zum Klimawandel beitragen.

(vgl. https://www.sipri.org/publications/2025/policy-reports/rebalancing-military-spending-towards-achieving-sustainable-development)

Und Krieg zerstört etwas, ohne das eine globale Klimapolitik kaum möglich sein dürfte:

Vertrauen.

Wie sollen Staaten gemeinsam die Atmosphäre schützen, wenn sie sich gleichzeitig gegenseitig bedrohen?

Wie sollen sie Rohstoffe gerecht verteilen, wenn dieselben Rohstoffe Bestandteil geopolitischer Machtkämpfe werden?

Wie sollen Milliarden für Klimaanpassung, Klimaschutz und die Bewältigung bereits entstandener Schäden bereitgestellt werden, wenn militärische Ausgaben gleichzeitig immer neue Rekorde erreichen?

Das eine lässt sich vom anderen nicht mehr trennen.

 

Was bedeutete Nachhaltigkeit, bevor sie zum politischen Wort wurde?

 

Erinnern Sie sich an die Bilder der indigenen Bevölkerung Brasiliens rund um die Klimaverhandlungen?

Menschen, deren Forderungen manchmal wie ein Störgeräusch innerhalb der großen politischen Inszenierung behandelt werden.

Dabei könnte es genau umgekehrt sein.

Vielleicht besitzen gerade Menschen, die seit Generationen mit einem Wald, einem Fluss, einer Küste oder einem Stück Land leben, Wissen, das in unseren Konferenzsälen verloren gegangen ist.

Was hieß Nachhaltigkeit eigentlich, bevor das Wort Eingang in nahezu jede politische Rede, Unternehmensbroschüre und Werbekampagne fand?

Im Kern war die Idee verblüffend einfach:

Nicht mehr nehmen, als wieder entstehen kann.

Nicht mehr Bäume fällen, als nachwachsen.

Nicht mehr Fische aus einem Meer holen, als sich vermehren können.

Nicht mehr Wasser entnehmen, als sich erneuert.

Eigentlich kennen wir dieses Prinzip aus unserem eigenen Alltag.

Auf Dauer können wir nicht mehr Geld ausgeben, als uns zur Verfügung steht.

Warum glauben wir dann, bei der Erde könne diese Rechnung anders funktionieren?

Wir überfischen.

Wir überdüngen.

Wir verbrauchen.

Wir versiegeln.

Wir verbrennen.

Und wenn wissenschaftliche Erkenntnisse politische Konsequenzen verlangen, hören wir immer wieder den Satz:

„Das können wir unseren Bürgerinnen und Bürgern nicht zumuten.“

Doch was sagen Bürgerinnen und Bürger eines Tages zu ihren Politikerinnen und Politikern, wenn das, was man ihnen nicht zumuten wollte, gegenüber dem verblasst, was ihnen die Klimakrise tatsächlich zumutet?

Was sagen wir, wenn die Welt-Titanic längst Wasser aufnimmt und wir noch darüber diskutieren, ob eine Kursänderung den Passagieren zu unbequem sein könnte?

 

Ein Meer zwischen Klimakrise und Krieg

 

Vielleicht lässt sich kaum irgendwo deutlicher erkennen, wie eng diese Fragen inzwischen miteinander verwoben sind, als am Kaspischen Meer.

Das größte Binnengewässer der Erde verliert Wasser.

Seine Küsten verändern sich.

Ökosysteme geraten unter Druck.

Menschen, die seit Generationen dort leben, müssen erleben, wie sich ihre Lebensgrundlagen verändern.

Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass die Erderhitzung den Rückgang des Wasserspiegels weiter vorantreiben wird. Modellrechnungen ergeben unter mittleren bis hohen Emissionsszenarien bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen möglichen Rückgang um etwa 8 bis 14 Meter. Die Folgen beträfen Ökosysteme und Artenvielfalt ebenso wie Häfen, Schifffahrt, Infrastruktur und die Wirtschaft der Anrainerstaaten.

(vgl. https://www.nature.com/articles/s43247-023-01017-8)

Eine neuere Untersuchung aus dem Jahr 2025 zeigt, welche enormen Folgen bereits unterschiedliche Abstufungen eines solchen Wasserstandsverlustes für Ökosysteme, Schutzgebiete und menschliche Infrastruktur haben könnten.

(vgl. https://www.nature.com/articles/s43247-025-02212-5)

Auch die ARD-Sendung „KlimaZeit“ beschäftigte sich bereits im November 2024 mit der Erderhitzung und dem Schrumpfen des Kaspischen Meeres:

(vgl. https://www.ardmediathek.de/video/klimazeit/klimazeit-erderhitzung-und-das-schrumpfen-des-kaspischen-meers/tagesschau24/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvYWQxNTQyN2YtNGJkNS00NzRiLTg1ZmYtMmZjNTdhYTgxZjEx  )

Und ausgerechnet dieses schwindende Meer ist gleichzeitig zu einem strategischen Verkehrsraum geworden.

Über das Kaspische Meer wurden nach Angaben der Europäischen Union von Iran hergestellte Waffen und Munition, darunter Komponenten für unbemannte Luftfahrzeuge – sogenannte UAV oder Drohnen –, nach Russland transportiert. Sie dienten der Versorgung russischer Truppen im Krieg gegen die Ukraine.

Die Europäische Union nennt dabei ausdrücklich russische Schifffahrtsunternehmen und einzelne Frachtschiffe, die an diesen Transporten beteiligt gewesen sein sollen.

(vgl. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32024D2894)

Auch Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters stützten anhand von Schiffsbewegungen den Verdacht auf entsprechende Transporte zwischen Iran und Russland.

(vgl. https://www.reuters.com/world/middle-east/iran-withheld-launchers-missiles-sent-russia-sources-say-2024-09-21/)

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und Iran hat sich inzwischen weiterentwickelt.

Ein Meer, das infolge der Erderhitzung unter ökologischem Druck steht, wird damit gleichzeitig Teil einer militärischen Logistik.

Man muss diesen Gegensatz einen Moment lang aushalten.

Das Meer schrumpft.

Und über dieses Meer werden Waffen transportiert.

Vielleicht gibt es kaum ein eindringlicheres Bild für unsere Zeit.

 

Wem gehört das Wissen über ein Meer?

 

Aber es gibt noch eine andere Seite dieser Geschichte.

Menschen leben dort.

Kommunen.

Fischerinnen und Fischer.

Familien.

Menschen, deren Wissen über das Kaspische Meer nicht in einem Konferenzhotel entstanden ist, sondern über Generationen.

Genau an diesem Punkt beginnt der Text von Helga Merkelbach.

Sie war im Juni 2026 für die Women’s International League for Peace and Freedom – WILPF als Beobachterin bei der Klima-Vorkonferenz SB 64 in Bonn.

Und sie stellte dort Fragen, die bemerkenswert gut zu unserer Textfolge „Hallo Frieden!“ passen.

Sie fragte nach den Emissionen des Militärs.

Sie fragte nach den gewaltigen Summen, die für Aufrüstung und Krieg zur Verfügung stehen.

Sie fragte danach, warum Menschen aus betroffenen Regionen nicht stärker an den Entscheidungen beteiligt werden.

Und sie stellte bei einer Veranstaltung über das Kaspische Meer einen Gedanken in den Raum, der weit über dieses eine Gewässer hinausweist:

Das Kaspische Meer dürfe nicht zu einem weiteren Schauplatz der Konkurrenz werden.

Es könnte etwas anderes sein.

Ein Ort der Zusammenarbeit.

Ein Ort, an dem Staaten erkennen, dass ein gemeinsames Ökosystem keine Staatsgrenzen kennt.

Ein Ort des Friedens.

Merkelbach formulierte es in Bonn so:

„Macht das Kaspische Meer zu einem Knotenpunkt für Frieden, indem ihr als Anrainerstaaten für den Erhalt des Kaspischen Meeres kooperiert, damit es nicht zur Ursache für einen weiteren Krieg wird.“

Vielleicht steckt in diesem Satz mehr Klimapolitik, als auf den ersten Blick erkennbar ist.

Denn die Atmosphäre kennt keine Grenzen.

Ein Fluss kennt sie nicht.

Ein wandernder Vogel kennt sie nicht.

Und auch ein Meer hält sich nicht an die politischen Linien, die Menschen auf Karten gezogen haben.

 

Hallo Frieden!

 

Die Staaten werden im November wieder über die Zukunft des Klimas verhandeln.

Aber möglicherweise müssen wir längst über mehr verhandeln.

Über die Frage, ob wir bereit sind, Frieden als Voraussetzung dafür zu begreifen, überhaupt gemeinsam handeln zu können.

Nicht als romantische Vorstellung.

Nicht als Sonntagsrede.

Sondern als Überlebensfrage.

Frieden ersetzt keine Klimapolitik.

Aber Krieg kann Klimapolitik zerstören.

Und vielleicht sollten wir deshalb vor der COP 31 eine Frage nicht mehr ausklammern:

Wie wollen wir die Erderhitzung begrenzen, während wir gleichzeitig immer mehr Ressourcen darauf verwenden, uns gegenseitig zu bekämpfen?

Wie wollen wir die Erde bewahren, wenn wir Menschen nicht einmal aufhören können, sie zum Schlachtfeld zu machen?

Helga Merkelbach hat uns ihren persönlichen Blick hinter die Fassaden der Bonner Klima-Vorkonferenz über die Presseagentur Pressenza zur Verfügung gestellt.

Wir übernehmen ihren Beitrag im Folgenden bewusst vollständig und unverändert.

Denn manchmal ist es wichtig, nicht über jemanden zu berichten, der etwas erlebt hat.

Manchmal sollte man ihn selbst erzählen lassen.

Danke, Helga Merkelbach.

 

 

Die Klimaerwärmung auf der Erde erhitzte keine Gemüter – Die Klima-Vorkonferenz im Juni 2026 in Bonn

Von Helga Merkelbach

 

Alle offiziellen Delegationen der Klima-Vorkonferenz SB 64 in Bonn, vom 8. bis 18.6.2026, wiesen auf die derzeitigen „Krisen“ der Welt hin, als Erschwernis, der Dringlichkeit von Handeln gegen Klimawandel gerecht zu werden, aber niemand nannte sie beim Namen: Militarisierung, Kriege, Besatzung. Das auszusprechen, hatte ich mir zur Agenda gemacht, für meine Teilnahme als Beobachterin für WILPF [Women’s International League for Peace and Freedom – vgl. https://www.wilpf.de/ ] der ältesten Frauen-Friedensorganisation der Welt.

 

Allein und doch nicht allein

 

Zusammen mit der Naturzerstörung bedeutet Militarisierung und Krieg für unseren Planeten Ökozid, für die langfristig ihrer Lebensgrundlagen beraubten Menschen (Indigene, Bäuer:innen, Fischer:innen, Kommunen) langsamer Genozid. Alle Betroffenen tragen die Last, auch und gerade die Frauen, die Leben gebären, Leben ernähren und mit Carework Leben bewahren. Sie werden aber nicht an der Problemlösung beteiligt, obwohl sie Jahrtausende lange Erfahrungen darin haben, wie mit Mutter Erde umgegangen werden sollte, damit sie uns nährt und dabei bewahrt wird.

Ich war für WILPF (Women’s International League for Peace and Freedom) 10 Tage lang als Beobachterin auf der SB 64, um auf die Bedeutung von durch Militär verursachte Emissionen und auf die Finanzierung von Militär und Kriegen hinzuweisen und um die nötige Investition in Adaption, Mitigation und Loss & Damage nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ich war erfolgreich, insoweit eine Person unter 9206 angemeldeten Anwesenden überhaupt etwas ausrichten kann. Anwesend waren 3375 Regierungsvertreter:innen, 2430 Nicht-Regierungsteilnehmer:innen (wovon ein großer Teil Industrie und Business vertritt), beobachtet von lediglich 134 angemeldeten Medienvertreter:innen. Auf der SB 64 (Subsidiary Bodies) wird das Abschlussdokument für die eigentliche Klimakonferenz COP 31, in Antalya /Türkei, im November vorbereitet.

In der ersten Woche waren zwei weitere Frauen von Peace Boat und Tipping Point North South an meiner Seite; zusammen bestritten wir eine Nebenveranstaltung und eine Pressekonferenz. Täglich konnte ich mich beim Treffen der Women and Gender Constituency der Unterstützung durch Frauen aus aller Welt versichern (einer von neun zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen, die sich bei den Klimakonferenzen als Beobachter:innen einbringen, aber nicht mit abstimmen dürfen.

(vgl. https://peaceboat.org/english/news/sb64)

In vielen pfiffigen Aktionen im UNFCCC-Gebäude machten wir, die NGO-Vertreter:innen, die offiziellen staatlichen Delegierten auf die Dringlichkeit des Handelns aufmerksam – dieser Kampf wird in Antalya weitergehen.

Mit der Vorkonferenz endet die Arbeit nicht. Vom 21. bis 27. September 2026 findet weltweit eine Aktionswoche eines losen Bündnisses für Frieden und Klimagerechtigkeit statt. Hieran kann jede/r sich lokal auch mit der kleinsten Aktion beteiligen.

(vgl. https://climatemilitarism.org/weekofaction/)

 

Die bedrohlichsten CO₂ Emissionen, die niemand zählt

 

Wissenschaftler:innen haben die Brisanz von Militarisierung und Kriegen für Klima herausgearbeitet:

Wenn das Militär ein Land wäre, stände es mit CO₂ Emissionen weltweit an 4. Stelle, nach China, den USA und Indien.

5,5 % der weltweiten Emissionen (mehr als die aller Staaten des afrikanischen Kontinents zusammen) stammen vom Militär (kriegerische Aktivitäten nicht eingerechnet). Das ist mehr als von allen 46 ärmsten Länder der Welt zusammen (4 %).

(vgl. https://unctad.org/news/unctad-sets-out-actions-support-least-developed-countries-global-low-carbon-transition)

Der globale Norden gibt für Militär 30-mal so viel Geld aus wie für den Schutz der Umwelt.

(vgl. https://www.thewaronclimate.org/)

Bis Anfang 2026 hat der Gazakrieg allein 33 Mio. Tonnen CO₂ Emissionen verursacht.

(vgl. https://www.qmul.ac.uk/news/latest-news/2026/humanities-and-social-sciences/hss/study-highlights-the-hidden-climate-cost-of-the-israelgaza-war.html)

Für den Ukraine-Krieg werden in den vergangenen vier Jahren 311 Mio. Tonnen CO₂ Emissionen verzeichnet, so viel wie für Frankreich in einem Jahr.

(vgl. https://en.ecoaction.org.ua/wp-content/uploads/2026/02/Climate-Damage-Caused-by-War-48-months_ENs.pdf)

92 Nationen – fast die Hälfte der Welt – führten 2024 Krieg, die höchste Zahl seit dem 2. Weltkrieg.

(vgl. https://asianews.network/92-countries-engaged-in-conflicts-beyond-borders-global-peace-index/)

Wissenschaft und Zivilgesellschaft kommen deshalb zu dem Schluss:

• Militäremissionen sollten verpflichtend in den nationalen Berichten gemeldet werden. Das Pariser Klimaabkommen überlässt es der Freiwilligkeit.

• Entmilitarisierung sollte das langfristige Ziel sein, und nicht Erhöhung der Ausgaben wie vor allem von den USA gefordert (auf 5 % des Bruttosozialprodukts eines jeden Landes).

• Move the money! Von Militarisierung und Kriegen hin zu Klimagerechtigkeit, in Mitigation, Adaption und für Los & Damage.

(vgl. https://www.wilpf.org/move-the-money/)

 

Wie die Verantwortlichen sich vor der Verantwortung drücken: Pay up for Climate Justice! – Zahlt endlich für Klimagerechtigkeit!

 

Climate Action Network (CAN), das ungefähr 2500 Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) rund um die Welt vereint und vertritt, drückte täglich allen auf der Konferenz ihr „ECO“ in die Hände, überschrieben mit „End the Genocide. Ende the Illegal Wars“ (Beendet den Völkermord. Beendet alle illegalen Kriege). Am 12.6. schlug ECO sechs Punkte zur Umsetzung eines gerechten Übergangs vor: „ECO schlägt vor, dass sie (die Industrieländer) einfach aufhören, Kriege und andere Formen der Massenvernichtung zu finanzieren, und diese Gelder stattdessen in dieses gerechte Anliegen der Menschheit umlenken.“

(vgl. https://climatenetwork.org/resource/eco-5-sb64/)

Auf der letzten Klimakonferenz COP 30 in Belem / Brasilien im November 2025 verzeichnete die Zivilgesellschaft einen großen Erfolg, nämlich dass die „just transition“ ins offizielle Schlussdokument aufgenommen wurde und als nächstes deren Implementierung diskutiert werden solle. Diejenigen, die hauptverantwortlich für die Klimakatastrophe sind, sollen vorangehen und den schon jetzt stark Betroffenen öffentliche Gelder in Form von Zuschüssen zur Verfügung stellen, um sich an den Klimawandel zu adaptieren, ihn abzuschwächen und um mit schon entstandenen Verlusten und Schäden umzugehen. Stattdessen laden die Länder des globalen Nordens jedoch allenfalls Privatunternehmen ein, in einen grünen Wandel zu investieren, was diese nur tun werden, wenn sie davon profitieren, egal ob damit den Menschenrechten und der Klimagerechtigkeit genüge getan wird.

Alle offiziellen Delegierten und Beobachter:innen der Zivilgesellschaft äußerten am Ende in Bonn ihre Enttäuschung. Denn es wurde nicht über eine Umsetzung gesprochen, auch nicht über die Finanzierung. Die Staaten des globalen Nordens (vor allem die EU-Länder) und Saudi-Arabien wendeten jedwede Ablenkung an, sie wollten neue Roadmaps aufstellen, über einzelne Paragraphen im Text reden, über Formulierungen streiten. Letztlich wurden diejenigen aus dem Schlussdokument entfernt und nicht einmal mehr in Klammern benannt, die für einen gerechten Wandel einbezogen werden müssen: die Indigenen und Kommunen vor Ort als Inhaber von Wissen und Recht, die Frauen (mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung), die Arbeiter:innen und Bäuer:innen (die letztlich dafür sorgen, dass die nötige Arbeit für das Überleben verrichtet wird), die Jugend (deren Zukunft auf dem Spiel steht).

 

Das Schwinden des Kaspischen Meeres

 

An der Nebenveranstaltung zum Kaspischen Meer nahmen UN-Organisationen, die Anrainerstaaten, Russland, Saudi Arabien, Kuba, Nicaragua und andere Staaten teil.

Dort wagte ich es, beim Punkt „Fragen & Antworten“ die Damen und vornehmlich Herren zu bitten, Kommunen, die jetzt schon vom sinkenden Wasserspiegel des Binnenmeeres und seiner starken Kontamination betroffen sind als „knowledge and rights holders“ (Wissende und Rechte Habende) bei den Gesprächen mit einzubeziehen. Sie haben über Jahrhunderte mit ihrem Wissen und ihrer Lebensweise das Kaspische Meer bewahrt. Vorher hatten wissenschaftliche Beiträge die Bedeutung der Region für Handel herausgearbeitet, aber dabei ausgelassen, dass hier westliche Nationen in Konkurrenz zur Belt and Road Initiative Chinas (die neue Seidenstraße) stehen, die darüber ihre (billigeren) Waren nach Europa liefern. „Macht das Kaspische Meer zu einem Knotenpunkt für Frieden, indem ihr als Anrainerstaaten für den Erhalt des Kaspischen Meeres kooperiert, damit es nicht zur Ursache für einen weiteren Krieg wird.“ Meine Worte wurden laut beklatscht und ich wurde im Anschluss auf diese Worte angesprochen – als „den einzigen ernst zu nehmenden Beitrag“. Ich kam dadurch mit Delegierten aus sensiblen Staaten in weiteren Kontakt.

 

Offizielle Delegierte inoffiziell mit Herz

 

Angesichts der Übermacht der Mächtigen mag das Ergebnis enttäuschend sein, nichtsdestotrotz freue ich mich über die Lichtblicke, die es dennoch gab.

Ich konnte persönlich mit Delegierten von über einem Dutzend Nationen sprechen, alle aus dem globalen Süden oder mit prekärer Situation ihrer Bevölkerung; mit einigen bin ich weiter in persönlichem Kontakt, um sie ferner über den Kontext von Krieg, Militarisierung und Klima zu informieren. Der Türöffner war oft, dass ich erwähnte, wie ich auf Reisen in ihrer Heimat ihre Natur wahrgenommen hatte, oder dort Menschen begegnet war und noch mit ihnen verbunden bin. In dem Moment ging ein Lächeln auf ihrem Gesicht auf, als ob sie vor ihrem inneren Auge in ihr Zuhause versetzt wären. Sie glaubten meinen Worten und vertrauten der Echtheit meiner Empathie.

Alle sprachen sich abseits vom offiziellen Auftritt dafür aus, dass Staaten verpflichtet sein sollten, ihre Militäremissionen in ihren nationalen Berichten zu benennen. Alle sahen in den von Ländern des globalen Nordens vorgeschlagenen (falschen) Lösungen eine Verschlimmerung der bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse und eine Schwächung, die Zerstörung von Natur durch fortgesetzten Extraktivismus (nun von kritischen Mineralien), die Übernutzung von Wasser, die Förderung von Landraub für Solar- /Windenergieanlagen wie auch für das Agrobusiness und eine fortschreitende Zerstörung der Lebensbasis für die Menschen, also in keinem Fall einen gerechten Übergang. Eine Delegierte, aus deren sonnenreichen, aber wasserarmen Land demnächst grüner Wasserstoff nach Deutschland exportiert werden soll, wertete die Entscheidung hierfür als „grünen Kolonialismus“.

Eine Frau von einer Insel (die langfristig durch den Anstieg des Meerwasserspiegels gefährdet ist und die zu den ärmsten Ländern der Welt gehört) beklagte sich obendrein darüber, dass ihr Termin für ihren Visumsantrag bei der deutschen Botschaft nach der Beendigung der Konferenz gelegen hätte. Es hatte der Fürsprache der UN bedurft, dass es ihr möglich war, überhaupt kommen zu können.

Nur die G 77 (134 Länder des globalen Südens) plus China traten in den offiziellen Gesprächen immer wieder dafür ein, dass die Staaten des globalen Nordens ihren Verpflichtungen nachkommen und mit Zahlungen vorausgehen sollten, statt sich als Hauptverursacher der CO₂ Emissionen davor zu drücken, den im globalen Süden am schlimmsten Betroffenen gerecht zu werden.

 

Ein interessantes Thema

 

Auf Nebenveranstaltungen und in (aufgezeichneten) Pressekonferenzen stellte ich insgesamt 15-mal solche, die Auswirkungen von Militarisierung und Krieg hervorhebende Fragen in den Raum; am Ende war ich dafür schon bekannt und wurde darauf angesprochen. Manche fragten auch nach, was es mit der „ältesten Frauen-Friedens-Organisation“ auf sich habe, als die ich WILPF charakterisierte. Gegen Ende der Konferenzzeit hörte ich, wie eine Frau selbst das Thema mit von mir zuvor eingebrachten Fakten ansprach.

Ein Beispiel für die Antwort auf meine Frage ist hier vom Botschafter A.A. Corrêa do Lago für die Präsidentschaft der COP 30 zu hören:

(vgl. https://unfccc-events.azureedge.net/SB64_114046/agenda – ab Minute 20.05)

Der Gesichtsausdruck von ihm spricht Bände bezüglich der Brisanz – das Thema ist im Raum angekommen.

Ich erinnerte an Präsident Lulas Eröffnungsrede bei der COP 30 2025 und fragte, wie der Zusammenhang zwischen Krieg, Militärausgaben und Klimawandel weiter Eingang fände auf der nächsten COP in Antalya /Türkei in diesem Jahr. Präsident Lula hatte gesagt:

„Strategische Rivalitäten und bewaffnete Konflikte lenken die Aufmerksamkeit ab und binden Ressourcen, die eigentlich für die Bewältigung der globalen Erwärmung eingesetzt werden sollten. Der Klimawandel ist das Ergebnis derselben Dynamiken, die unsere Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg in Arm und Reich gespalten und die Welt in Entwicklungs- und Industrieländer unterteilt haben. Es wird unmöglich sein, ihn einzudämmen, ohne die Ungleichheiten innerhalb von und zwischen denNationen zu überwinden.”

Auf meine Frage erfolgte erwartungsvolle Stille im Raum, bis die Antwort kam: „It’s an interesting topic.“ (Es ist ein interessantes Thema.) Schweigen und nochmals „It’sinteresting“. (Es ist interessant.)“

 

 

Vortext / Kommentar: Christoph Maisenbacher (KI-supported) – 19. August 2026
Quelle (vollständig zitierter Text): Internationale Presseagentur Pressenza – Helga Merkelbach – wir haben die im Text enthaltenen Wort-Links als https:-Link im Text sichtbar gemacht, so dass Sie diese bei Interesse nutzen können und auch informiert sind, auf welche Seite Sie verlinkt werden
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Foto 1: Thomas / Didgeman – Foto 2 und 3: Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau

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