NATUREREIGNISBEGLEITER – TEXT 58 & RHEINLAND-PFÄLZISCHE TECHNISCHE UNIVERSITÄT KAISERSLAUTERN-LANDAU
Pestizide, Weinbau und Klatschmohn an der Mosel: Wie lebendig bleiben unsere Weinberge? | NaturEREIGNISbegleiter – Lebendige Moselweinberge
30.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe jährlich, steigender toxikologischer Druck und nur noch vier Jahre bis 2030: Was bedeutet der Pestizideinsatz für Landwirtschaft, Weinbau und Artenvielfalt an der Mosel? Und was uns ein Klatschmohn darüber erzählen kann.
Eine Bemerkung vorweg
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Unsere Sätze werden auf den folgenden Zeilen kürzer.
Die Absätze auch.
Die Zeilenumbrüche häufiger.
Fast könnte der Eindruck entstehen, wir würden unsere Gedanken in eine Tabelle schreiben.
Das tun wir ganz bewusst.
Denn dieses Thema lässt uns nicht los.
Und vielleicht darf ein Text manchmal nicht einfach nur informieren.
Vielleicht muss er wachrütteln.
Zahl für Zahl.
Satz für Satz.
Zeile für Zeile.
Denn die Frage hinter all diesen Zahlen ist größer als die Frage nach einem Pflanzenschutzmittel, einem Weinberg oder einem einzelnen Acker:
Wohin geht unsere Natur?
In Richtung einer Kulturlandschaft, in der wir immer mehr regulieren, bekämpfen und beseitigen müssen?
In Richtung einer Landwirtschaft, die ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel immer schwerer auszukommen glaubt?
In Richtung einer Natur, in der Pflanzen, Insekten und andere Lebewesen verschwinden – und wir anschließend mit weiteren Mitteln versuchen müssen, die Folgen zu beherrschen?
Und irgendwann vielleicht in Richtung einer Welt, in der wir begreifen müssen:
Wenn wir unsere Lebensgrundlagen auslöschen – löschen wir am Ende auch uns aus?
Die Pestizid-Ohrfeige sitzt
Die Pestizid-Ohrfeige sitzt.
Und die Erklärungen, warum es nicht anders geht, sitzen gleich mit.
Zu teuer.
Zu aufwendig.
Zu wenig Alternativen.
Pilzkrankheiten.
Schädlinge.
Klimawandel.
Wirtschaftlicher Druck.
Ein Weinberg ist schließlich kein Naturschutzgebiet, sondern Kulturlandschaft.
Ein landwirtschaftlicher Betrieb muss Erträge erwirtschaften.
Eine Winzerin.
Ein Winzer.
Eine Landwirtin.
Ein Landwirt.
Sie alle müssen von ihrer Arbeit leben können.
Alles richtig.
Und trotzdem sitzt die nächste Ohrfeige.
Seit 2012 ist vorgeschrieben, was eigentlich geschehen sollte
Seit 2012 ist der Integrierte Pflanzenschutz in Deutschland gesetzlich verbindlich.
Die Idee dahinter ist eigentlich einfach:
Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollen nicht das erste Mittel sein.
Sondern das letzte.
Vorbeugen.
Beobachten.
Mechanisch eingreifen.
Biologische Möglichkeiten nutzen.
Kulturtechnische Möglichkeiten nutzen.
Schadschwellen beachten.
Und erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, sollen chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.
So zumindest der Anspruch.
Vierzehn Jahre später kommt der Wissenschaftliche Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu einem ernüchternden Ergebnis:
Die erhoffte Entlastung ist ausgeblieben.
30.000 Tonnen – Jahr für Jahr
Seit rund 30 Jahren liegt die Menge der in Deutschland verkauften Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe bei ungefähr:
30.000 Tonnen jährlich.
30.000 Tonnen.
Jahr für Jahr.
Vor der gesetzlichen Verankerung des Integrierten Pflanzenschutzes.
Und danach.
Der Wissenschaftliche Beirat stellt fest:
Eine deutliche Verringerung ist nicht erkennbar.
Dabei ist selbst diese Zahl mit Vorsicht zu lesen.
Verkaufszahlen sind noch keine exakten Anwendungszahlen.
Eine systematische, flächendeckende Erfassung, wie viel davon in welchen Kulturen und Regionen tatsächlich ausgebracht wird, fehlt bislang.
Auch deshalb werden wir Ihnen hier keine vermeintlich exakte Zahl darüber präsentieren, wie viele Tonnen Pflanzenschutzmittel jährlich auf den Moselweinbergen landen.
Wir wissen es nicht.
Und vielleicht ist auch das eine Zahl, die nachdenklich machen sollte:
Keine.
Keine belastbare flächendeckende Zahl für die tatsächliche kultur- und regionsspezifische Ausbringung.
Und jetzt kommen wir zum Wein
Im deutschen Weinbau lag der durchschnittliche Fungizid-Behandlungsindex 2024 bei 23,5.
23,5.
Das bedeutet nicht, dass jeder Weinberg exakt 23,5-mal behandelt wurde.
Der Behandlungsindex gibt rechnerisch an, wie häufig eine Fläche mit der maximal zugelassenen Aufwandmenge behandelt worden wäre.
Aber:
23,5 bleibt 23,5.
Zum Vergleich:
Bei Kartoffeln lag der Fungizid-Behandlungsindex 2024 bei:
14,6.
Und Rheinland-Pfalz steht mitten in diesen Zahlen
Wenn wir über Wein sprechen, sprechen wir in Rheinland-Pfalz nicht über irgendeine landwirtschaftliche Nische.
Rund 64.700 Hektar Reben stehen in Rheinland-Pfalz.
Damit befinden sich rund 63 Prozent der deutschen Rebfläche in unserem Bundesland.
Und die Mosel?
Allein der rheinland-pfälzische Teil des Weinbaugebietes Mosel umfasst rund:
8.158 Hektar Rebfläche.
Unsere Kulturlandschaft.
Unsere Weinberge.
Unsere Mosel.
Wenn Pflanzenschutz auf den Mosel-Apollofalter trifft
Und dann wird aus der abstrakten Pestiziddebatte plötzlich eine Geschichte, die unmittelbar in unserer Mosellandschaft spielt.
Der Mosel-Apollofalter kommt weltweit nur noch im Weinbaugebiet des unteren Moseltals vor.
Das Umweltbundesamt spricht von einem dramatischen Bestandsrückgang.
Bei Genehmigungsverfahren für die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln mit Luftfahrzeugen untersuchte das Umweltbundesamt die Risiken für diesen Schmetterling.
Für 16 Fungizide ergab die Bewertung eine so hohe Toxizität, dass das Umweltbundesamt – je nach Mittel – Sicherheitsabstände von:
5 bis 30 Metern
zu Vorkommen des Mosel-Apollofalters für notwendig hielt.
Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit entschied 2024 jedoch, die Genehmigungen ohne diese vom Umweltbundesamt vorgeschlagenen besonderen Anwendungsbestimmungen zum Schutz des Falters zu erteilen.
(vgl. https://www.umweltbundesamt.de/themen/mosel-apollofalter-weinbau-artenschutz)
Das geschieht in einer Landschaft, die wir fotografieren.
In einer Landschaft, durch die wir wandern.
In einer Landschaft, in der Menschen leben.
Zwischen Weinbergen.
Trockenmauern.
Felsen.
Gräsern.
Kräutern.
Insekten.
Schmetterlingen.
Das ist das Dilemma:
Gerade die Steillagen der Mosel sind wertvolle Lebensräume.
Gleichzeitig sind sie schwierig und teuer zu bewirtschaften.
Der Weinbau hält Flächen offen und kann damit Lebensräume erhalten.
Pflanzenschutz wiederum kann Lebewesen gefährden, die genau dort ihren Lebensraum haben.
Noch eine Ohrfeige.
300 Prozent
Der Wissenschaftliche Beirat betrachtet nicht nur die verkauften Mengen.
Er betrachtet auch die potenzielle toxikologische Belastung für unterschiedliche Organismengruppen.
Und dann stehen dort Zahlen, über die man nicht einfach hinweglesen sollte.
Für Fische:
plus 300 Prozent.
Für Bodenlebewesen:
plus 200 Prozent.
Für Pflanzen:
plus 120 Prozent.
Das bedeutet nicht:
300 Prozent mehr tote Fische.
200 Prozent mehr tote Bodenlebewesen.
120 Prozent mehr tote Pflanzen.
Wissenschaft muss genau bleiben.
Die Zahlen beschreiben einen erhöhten potenziellen toxikologischen Druck durch chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel.
Aber vielleicht macht gerade diese korrekte Formulierung die Zahlen nicht weniger beunruhigend.
Sondern mehr.
Und wohin verschwindet eigentlich das, was wir ausbringen?
Pflanzenschutzmittel lösen sich nicht deshalb in Nichts auf, weil die Spritze den Weinberg oder den Acker verlassen hat.
Sie wirken.
Das sollen sie schließlich.
Auf Pilze.
Auf Pflanzen.
Auf Insekten.
Auf Organismen, gegen die sie eingesetzt werden.
Und möglicherweise auf andere Organismen, die gar nicht getroffen werden sollten.
Fehlen Pflanzen, fehlen Lebensräume.
Fehlen Wildkräuter, fehlen Nahrungsquellen.
Fehlen Insekten, verändert sich das Nahrungsangebot anderer Tiere.
Gelangen Wirkstoffe oder ihre Abbauprodukte in Böden und Gewässer, beginnt dort eine weitere Wirkungskette.
Und irgendwann gelangen wir an einen Punkt dieser Nahrungskette, an dem es nicht mehr nur um irgendein Tier geht.
Sondern um den Speisefisch.
Um einen Fisch, den wir aus dem Wasser holen.
Den wir zubereiten.
Den wir essen.
Und damit geht es plötzlich auch um uns selbst.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Speisefisch mit Pflanzenschutzmitteln belastet ist oder dass sich die für die Mosel genannten Mittel zwangsläufig in unserem Essen wiederfinden.
Aber es bedeutet:
Was wir in unsere Umwelt geben, bleibt nicht zwangsläufig dort, wo wir es ausgebracht haben.
Stoffe können transportiert werden.
Sie können Gewässer erreichen.
Sie können auf Wasserorganismen wirken.
Und deshalb sollten wir die Wirkungsketten bis zu ihrem Ende denken.
Der Teufelskreis landet möglicherweise irgendwann gebraten auf unserem Teller.
Bon appétit!
Und noch eine Ohrfeige: Resistenzen
Denn Pflanzenschutzmittel haben noch eine andere Geschichte.
Je häufiger bestimmte Wirkstoffe eingesetzt werden, desto größer kann der Selektionsdruck werden.
Schadorganismen können Resistenzen entwickeln.
Ein Mittel wirkt schlechter.
Strategien müssen verändert werden.
Andere Wirkstoffe werden benötigt.
Weitere Maßnahmen werden notwendig.
Und plötzlich entsteht ein Kreislauf:
Wir bekämpfen.
Die Natur reagiert.
Wir bekämpfen erneut.
Die Natur reagiert erneut.
Ein Teufelskreis der Pestizide.
Dabei sollte der Integrierte Pflanzenschutz genau das verhindern.
Und mitten darin steht ein Klatschmohn
Und dann:
Mitten zwischen all diesen Zahlen.
Mitten zwischen 30.000 Tonnen.
23,5.
300 Prozent.
200 Prozent.
120 Prozent.
steht im Frühsommer manchmal etwas unglaublich Zerbrechliches.
Ein Klatschmohn.
Rot.
Dünn.
Fast durchsichtig, wenn die Sonne durch seine Blütenblätter fällt.
Papaver rhoeas.
Vielleicht begegnet er uns am Rand eines Ackers.
Vielleicht auf einer weniger intensiv bewirtschafteten Fläche.
Vielleicht dort, wo unserer Kulturlandschaft noch etwas Raum gelassen wird.
Das Bundesamt für Naturschutz nennt den Klatschmohn zusammen mit Kornblume und Feldrittersporn als typische Arten der Ackerwildkrautflora und verweist darauf, dass die chemische Unkrautbekämpfung wesentlich zum Rückgang solcher Arten in der Agrarlandschaft beigetragen hat.
Von 323 Ackerwildkrautarten Deutschlands gelten mehr als 90 als gefährdet.
(vgl. https://www.bfn.de/projektsteckbriefe/maehdrusch-technik-auf-die-artenvielfalt-eine-pilotstudie-im-landkreis-marburg)
Klatschmohn ist deshalb mehr als eine rote Blume für ein schönes Frühsommerfoto.
Vielleicht sollten wir ihn anders ansehen.
Als Zeichen.
Als Erinnerung.
Vielleicht sogar als Warnung.
Als kleines rotes Ausrufezeichen unserer Kulturlandschaft.
2030 ist nicht irgendwann
Und dann steht da noch dieses andere Ausrufezeichen.
Vier Ziffern:
2030.
Wir schreiben August 2026.
2030 ist nicht irgendwann.
2030 ist in:
vier Jahren.
Bis dahin soll das Gesamtrisiko durch Pestizide und hochgefährliche Chemikalien entsprechend dem globalen Biodiversitätsabkommen von Kunming-Montreal um mindestens 50 Prozent reduziert werden.
Auch die Europäische Union verfolgt für 2030 ein 50-Prozent-Reduktionsziel bei Einsatz und Risiko chemischer Pflanzenschutzmittel.
Der Wissenschaftliche Beirat formuliert es deutlich:
Ohne konsequentes Umsteuern und ohne politische, beratende und finanzielle Unterstützung der Landwirtschaft seien diese Ziele in den verbleibenden vier Jahren nicht erreichbar.
Vier Jahre.
48 Monate.
Mehr ist es nicht.
Aber Veränderung ist möglich
Und deshalb darf dieser Text nicht bei der Ohrfeige stehen bleiben.
Denn Alternativen existieren.
Nicht überall gleich.
Nicht für jede Kultur gleich einfach.
Nicht zum Nulltarif.
Und schon gar nicht ohne Unterstützung der Menschen, die von Landwirtschaft und Weinbau leben müssen.
Der Wissenschaftliche Beirat nennt unter anderem:
Vielfältigere Fruchtfolgen.
Resistentere Sorten.
Biologische Verfahren.
Mechanische Verfahren.
Robotik.
Drohnen.
Präzisionslandwirtschaft.
Resilientere Anbausysteme.
Und eine Landwirtschaft, in der nicht-chemische Verfahren tatsächlich Vorrang erhalten.
Studien zeigen nach Angaben des Wissenschaftlichen Beirats:
Je nach Kultur kann der Herbizideinsatz durch gezieltere Verfahren um 50 bis 70 Prozent reduziert werden, ohne dass die Wirksamkeit verloren geht.
Roboter mit Hackverfahren können Herbizid-Anwendungen sogar um bis zu 80 Prozent reduzieren.
Es geht also nicht nur darum, was nicht geht.
Es geht auch darum:
Was wollen wir möglich machen?
Es geht nicht um einen Schuldigen
Und genau deshalb geht es uns in dieser Folge von „NaturEREIGNISbegleiter – Lebendige Moselweinberge“ nicht darum, mit dem Finger auf Winzerinnen und Winzer zu zeigen.
Oder auf Landwirtinnen und Landwirte.
Wer Veränderung fordert, muss auch dafür sorgen, dass Veränderung möglich wird.
Technisch.
Wirtschaftlich.
Politisch.
Gesellschaftlich.
Wer weniger Pestizide will, muss Alternativen fördern.
Wer andere Anbausysteme will, muss ihre Entwicklung unterstützen.
Wer von Winzerinnen und Winzern Veränderungen verlangt, muss auch bereit sein, einen Weinbau zu ermöglichen und zu bezahlen, der diese Veränderungen tragen kann.
Aber:
Die Erklärung, warum Veränderung schwierig ist, darf nicht zur Erklärung dafür werden, warum wir sie immer weiter verschieben.
Denn 2030 wartet nicht.
Der Fisch wartet nicht.
Der Boden wartet nicht.
Die Insekten warten nicht.
Die Wildpflanzen warten nicht.
Und vielleicht wartet irgendwann auch der Klatschmohn nicht mehr.
Die Pestizid-Ohrfeige sitzt.
Die Frage ist:
Wie viele brauchen wir noch?
Vom Ausrufezeichen zu den wissenschaftlichen Forderungen
Wir haben in diesem Vorwort bewusst zugespitzt.
Wir haben Zahlen einzeln stehen lassen.
Wir haben Fragen gestellt.
Und wir haben die Mosel vor Augen gehabt.
Doch hinter diesen Zahlen und Fragen steht keine bloße redaktionelle Empörung.
Dahinter steht eine aktuelle wissenschaftliche Stellungnahme.
Der Wissenschaftliche Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln beschreibt eine „Kluft zwischen Anspruch und Realität“ beim Integrierten Pflanzenschutz.
Das zwölfköpfige Expertengremium analysiert nicht nur, was seit der gesetzlichen Verankerung im Jahr 2012 versäumt wurde.
Es zeigt auch auf, was sich ändern müsste.
Und warum dafür kaum noch Zeit bleibt.
Die nachfolgende Pressemitteilung erweitert deshalb unseren Blick.
Sie führt von den Zahlen und Bildern dieses Vorwortes zu den wissenschaftlichen Forderungen und zu der Frage, wie Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft einen Pflanzenschutz ermöglichen können, der seinem eigenen Namen wieder stärker gerecht wird:
Pflanzen schützen – ohne dabei die Lebensgrundlagen um sie herum immer weiter unter Druck zu setzen.
Nachfolgend übernehmen wir die Pressemitteilung vollständig und unverändert.
„Kluft zwischen Gesetz und Realität: Wissenschaftlicher Beirat des NAP fordert Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes
Der Wissenschaftliche Beirat des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP) fordert eine stringente Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes (IPS) in Deutschland. In seiner aktuellen Stellungnahme „Integrierter Pflanzenschutz: Kluft zwischen Anspruch und Realität“ kommt das Gremium zu dem Schluss, dass die seit 2012 gesetzlich vorgeschriebene Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes bislang nicht die erhoffte Entlastung für die Natur entfaltet hat. Ohne ein konsequentes und sofortiges Umsteuern seien die internationalen Umwelt- und Biodiversitätsziele bis zum Jahr 2030 nicht mehr zu erreichen.
Der Integrierte Pflanzenschutz verfolgt das Ziel, Schädlinge und Krankheiten vorrangig durch vorbeugende, biologische und kulturtechnische Maßnahmen zu kontrollieren. Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollen nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Nach Einschätzung des zwölfköpfigen Expertengremiums wird dieses Prinzip jedoch in vielen Bereichen der landwirtschaftlichen Praxis nicht ausreichend umgesetzt.
„Trotz der gesetzlichen Verankerung des Integrierten Pflanzenschutzes vor mehr als einem Jahrzehnt ist weder eine deutliche Verringerung der eingesetzten Wirkstoffmengen an Pflanzenschutzmitteln noch eine umfassende Reduktion der Risiken für Umwelt und Biodiversität festzustellen“, betont Carsten Brühl, federführender Autor der Stellungnahme und Professor an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). Verkaufszahlen und Anwendungsdaten zeigten, dass der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel weiterhin auf hohem Niveau liege. Gleichzeitig habe sich die toxische Belastung für einige Organismengruppen, darunter Fische, Bodenlebewesen und Pflanzen, sogar erhöht, wie aktuelle Studien belegen.
Der Beirat sieht die Ursachen unter anderem in einer unzureichenden Förderung nicht-chemischer Verfahren, mangelnder Beratung, wirtschaftlichen Zwängen sowie fehlenden Anreizen für resiliente Anbausysteme. Er fordert daher ein Bündel aus ordnungsrechtlichen und förderpolitischen Maßnahmen, um die Umsetzung des IPS flächendeckend zu stärken. Dazu zählen vielfältigere Fruchtfolgen, der verstärkte Einsatz resistenter Sorten, der Ausbau biologischer Verfahren sowie die Nutzung neuer Technologien wie Robotik, Drohnen und Präzisionslandwirtschaft.
Besondere Bedeutung misst der Beirat dem flächenmäßigen Ausbau und der Entwicklung von Anbausystemen bei, die vollständig ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel auskommen, wie in der Ökologischen Landwirtschaft seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert, oder die in einzelnen Kulturen darauf verzichten. Gleichzeitig müsse Landwirtinnen und Landwirten die wirtschaftliche und technische Umsetzung entsprechender Maßnahmen ermöglicht und Umstellungen gefördert werden.
Mit Blick auf die europäischen und internationalen Biodiversitätsziele warnt der Beirat vor weiterem Zeitverlust. Sowohl die Europäische Union als auch das globale Biodiversitätsabkommen von Kunming-Montreal sehen eine Halbierung der Risiken durch Pflanzenschutzmittel bis 2030 vor. Nach Einschätzung des Gremiums sind diese Ziele ohne eine konsequente Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes und eine stärkere politische Unterstützung der Landwirtschaft nicht erreichbar.
Originalpublikation:
Und dann steht da dieser Klatschmohn
Nach all diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forderungen kehren wir zurück zu unserem Titelbild.
Zu einer Pflanze, die unsere Kulturlandschaft seit Jahrhunderten begleitet und deren leuchtendes Rot im Frühsommer kaum zu übersehen ist:
dem Klatschmohn – Papaver rhoeas.
Vielleicht ist er gerade deshalb das richtige Bild für diesen Beitrag.
Nicht als Dekoration.
Sondern als kleines rotes Ausrufezeichen.
Schauen wir genauer hin.
Klatschmohn – Papaver rhoeas
Wer im Frühsommer durch offene Kulturlandschaften an der Mosel geht, kann ihn schon aus einiger Entfernung entdecken. Zwischen Gräsern, an Wegrändern, auf Böschungen oder auf weniger intensiv bearbeiteten Flächen erscheinen seine roten Blüten oft wie kleine Farbtupfer.
Der Klatschmohn gehört zur Familie der Mohngewächse (Papaveraceae). Sein wissenschaftlicher Name lautet Papaver rhoeas L.
Die einjährige krautige Pflanze erreicht meist eine Höhe von etwa 30 bis 80 Zentimetern, unter günstigen Bedingungen auch darüber. Stängel und Blätter sind behaart. Besonders auffällig sind die meist vier großen, leuchtend roten Blütenblätter, die am Grund häufig einen dunklen Fleck besitzen können.
Vom behaarten Stängel zur roten Blüte
Der Klatschmohn keimt aus Samen und entwickelt zunächst eine bodennahe Blattrosette. Später wächst der aufrechte, behaarte Stängel empor.
Seine zunächst nickenden Blütenknospen richten sich vor dem Öffnen auf. Die beiden behaarten Kelchblätter fallen beim Aufblühen ab – und die zuvor zusammengefalteten Kronblätter entfalten sich.
Die einzelne Blüte ist kurzlebig. Die Blütezeit der Art insgesamt reicht in Mitteleuropa jedoch gewöhnlich von Mai bis Juli, gelegentlich bis in den August oder bei günstigen Bedingungen darüber hinaus.
Nach der Bestäubung entwickelt sich die charakteristische Kapselfrucht. An ihrer Oberseite befindet sich eine scheibenförmige Narbe. Reift die Kapsel, entstehen unter dieser Scheibe kleine Öffnungen. Wird der Stängel durch Wind oder Berührung bewegt, können die winzigen Samen herausgeschüttelt werden.
Eine einzige Pflanze kann mehrere Tausend Samen hervorbringen. Die Samen können im Boden über längere Zeit keimfähig bleiben. Deshalb kann Klatschmohn scheinbar plötzlich wieder erscheinen, wenn Boden bearbeitet oder offengelegt wird.
Kann man Klatschmohn essen?
Hier ist Zurückhaltung angebracht.
Klatschmohn ist nicht mit dem zur Lebensmittelgewinnung angebauten Schlafmohn (Papaver somniferum) gleichzusetzen. Die Pflanze enthält verschiedene Alkaloide, insbesondere Rhoeadin und verwandte Verbindungen. Die Konzentrationen können zwischen Pflanzenteilen und Entwicklungsstadien schwanken.
In der traditionellen Nutzung wurden junge Pflanzenteile oder Blütenblätter regional teilweise als Nahrungsmittel verwendet. Daraus sollte jedoch keine Empfehlung zum freien Sammeln und Verzehr abgeleitet werden.
● Der weiße Milchsaft und insbesondere unreife Pflanzenteile sollten nicht als Lebensmittel genutzt werden.
● Größere Mengen und eigenständige medizinische Anwendungen sind zu vermeiden.
● Kinder sowie Schwangere und Stillende sollten Klatschmohn nicht ohne fachkundige medizinische beziehungsweise pharmazeutische Beratung innerlich anwenden.
Für unseren NaturEREIGNISbegleiter ist der Klatschmohn deshalb vor allem Beobachtungs- und keine Sammelpflanze.
Wie lässt sich Klatschmohn erkennen?
Seine leuchtend roten Blüten machen den Klatschmohn zur Blütezeit vergleichsweise gut erkennbar. Trotzdem sollte eine Bestimmung niemals allein anhand der Blütenfarbe erfolgen.
Typisch sind der behaarte Stängel, die ebenfalls behaarten, fiederteiligen Blätter, die zunächst nickenden behaarten Knospen, vier meist kräftig rote Kronblätter sowie später die charakteristische Kapselfrucht.
Andere rot blühende Mohnarten können ähnlich aussehen. Dazu gehören beispielsweise der Saat-Mohn (Papaver dubium) und weitere Arten der Gattung Papaver. Wer Pflanzen sammeln möchte, muss deshalb eine sichere Bestimmung gewährleisten.
Und an der Mosel gilt zusätzlich: Pflanzen sollten weder auf fremden landwirtschaftlichen Flächen noch in Schutzgebieten oder an geschützten Standorten einfach entnommen werden.
Ein alter Begleiter unserer Kulturlandschaft
Der Klatschmohn ist keine ursprünglich auf Mitteleuropa beschränkte Pflanze. Sein ursprüngliches Areal wird im weiteren mediterranen, westasiatischen beziehungsweise eurasischen Raum angenommen.
Mit dem Ackerbau breitete er sich schon in vorgeschichtlicher Zeit gemeinsam mit Getreidekulturen weit über sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus aus. In Mitteleuropa zählt er damit zu den sogenannten Archäophyten – Pflanzenarten, die bereits vor 1492 durch menschlichen Einfluss in ein Gebiet gelangten.
Seine Geschichte ist eng mit der Geschichte des Getreideanbaus verbunden. Über Jahrhunderte gehörten Klatschmohn, Kornblume und andere Ackerwildkräuter zum vertrauten Bild der europäischen Agrarlandschaft.
Auch für das Moselgebiet lässt sich deshalb kein sinnvoller einzelner Zeitpunkt nennen, an dem „der erste Klatschmohn“ erschien. Mit der jahrhundertelangen beziehungsweise jahrtausendelangen Nutzung der Landschaft für Ackerbau und andere Formen der Landwirtschaft fand er auch hier geeignete Lebensräume.
Der Klatschmohn liebt Licht und offenen Boden
Wer verstehen möchte, wo Klatschmohn wächst, sollte zunächst auf den Boden schauen.
Er ist eine typische Pflanze offener und regelmäßig gestörter Standorte. Konkurrenz durch eine dauerhaft geschlossene, dichte Vegetationsdecke verträgt er weniger gut.
Bevorzugt werden sonnige, warme Standorte und eher nährstoff- beziehungsweise basenreiche, lockere Böden. Besonders günstig sind lehmige bis tonige Böden.
Staunässe bekommt ihm weniger gut.
Als einjährige Pflanze überwintert der Klatschmohn normalerweise nicht als ausgewachsene Pflanze. Seine Strategie steckt vielmehr in seinen Samen. Ein Teil kann bereits im Herbst keimen und als junge Pflanze überwintern; andere Samen keimen erst im Frühjahr.
Seine Stärke liegt im Warten
Eine Besonderheit des Klatschmohns befindet sich unsichtbar unter unseren Füßen.
Seine Samen können im Boden über längere Zeiträume überdauern.
Solange eine geschlossene Pflanzendecke den Boden bedeckt und geeignete Keimbedingungen fehlen, passiert möglicherweise jahrelang kaum etwas.
Wird der Boden dann geöffnet oder bewegt und gelangt Licht an die entsprechenden Bodenschichten, können Samen keimen.
Das erklärt ein Phänomen, das viele Menschen kennen:
Plötzlich steht Klatschmohn an einem Ort, an dem im Jahr zuvor keiner zu sehen war.
Die Pflanze ist also nicht „aus dem Nichts“ gekommen.
Möglicherweise hat ihr Samen dort bereits gewartet.
Wo finden wir Klatschmohn an den Moselweinbergen?
Im intensiv gepflegten Rebbestand selbst sind größere Klatschmohnbestände nicht unbedingt zu erwarten. Interessanter sind die Übergangsräume der Kulturlandschaft.
Man kann nach ihm an sonnigen Wegrändern, offenen Böschungen, Ackerrändern, Brachen und anderen lückigen, regelmäßig gestörten Standorten Ausschau halten.
Auch Randbereiche von Weinbergen können geeignete Bedingungen bieten – vorausgesetzt, der Boden bleibt stellenweise offen und die Vegetation ist nicht zu dicht.
Für unsere Beobachtung bedeutet das:
Nicht nur zwischen die Rebzeilen schauen.
Auch die Ränder des Weinbergs erzählen etwas über die biologische Vielfalt einer Kulturlandschaft.
Klatschmohn im eigenen Garten
Klatschmohn lässt sich vergleichsweise einfach im Garten kultivieren.
Am besten erhält er einen sonnigen Platz mit offenem, nicht dauerhaft nassem Boden. Die feinen Samen werden direkt an Ort und Stelle ausgesät. Als Lichtkeimer sollten sie nicht tief mit Erde bedeckt werden.
Einmal etabliert, kann sich Klatschmohn durch Selbstaussaat erhalten, wenn reife Samenkapseln stehen bleiben und geeignete offene Bodenstellen vorhanden sind.
Wer jedes Jahr sämtliche Flächen dicht mulcht oder eine geschlossene Pflanzendecke erhält, bietet ihm dagegen wenig Raum zum Keimen.
Und ist er ein „Unkraut“?
Botanisch gibt es keine Pflanzenkategorie „Unkraut“. Der Begriff beschreibt Pflanzen, die aus menschlicher Sicht an einem bestimmten Ort unerwünscht sind.
Im Getreidefeld konnte Klatschmohn deshalb als Ackerunkraut betrachtet werden.
Aus ökologischer Perspektive ist er dagegen eine Ackerwildpflanze.
Die Pflanze bleibt dieselbe.
Nur unsere Bewertung verändert sich.
Eine rote Blüte als Nahrungsangebot für Insekten
Klatschmohn produziert keinen Nektar, bietet aber reichlich Pollen.
Seine offenen Blüten sind deshalb für verschiedene pollenbesuchende Insekten interessant. Vor allem Bienen und andere Insekten können die Blüten zur Pollensuche aufsuchen.
Die Blüte ist damit kein vollständiges „Insektenrestaurant“, wie es nektar- und pollenreiche Pflanzen sein können.
Aber sie ist eine Nahrungsquelle.
Und in einer Kulturlandschaft zählt nicht nur eine einzelne Pflanzenart. Entscheidend ist die Vielfalt unterschiedlicher Blütenangebote über möglichst lange Zeiträume.
Hat Klatschmohn einen wirtschaftlichen Nutzen?
Als landwirtschaftliche Kulturpflanze besitzt Klatschmohn in Deutschland heute keine mit Getreide, Weinreben oder Ölpflanzen vergleichbare ökonomische Bedeutung.
Historisch wurde er unterschiedlich genutzt, unter anderem als Farb- und Heilpflanze. Heute liegt sein Wert eher in anderen Bereichen.
Er ist Bestandteil von Blühmischungen und naturnahen Gartenkonzepten, besitzt einen hohen ästhetischen Wiedererkennungswert und kann Teil von Maßnahmen zur Förderung der Ackerwildkrautflora sein.
Gleichzeitig kann er in landwirtschaftlichen Kulturen unerwünscht sein und dort als konkurrierendes Ackerwildkraut betrachtet werden.
Auch das gehört zu einer wissenschaftlich ausgewogenen Betrachtung.
Ökologisch ist nicht nur die einzelne Pflanze entscheidend
Ökologisch steht Klatschmohn stellvertretend für eine ganze Pflanzengesellschaft unserer traditionellen Ackerlandschaften.
Ackerwildkräuter schaffen Blütenangebote, erhöhen die pflanzliche Vielfalt und bilden gemeinsam mit Insekten und anderen Organismen Bestandteile komplexer Nahrungsnetze.
Der Rückgang dieser Pflanzen verändert deshalb mehr als nur das Landschaftsbild.
Verschwindet Vielfalt auf der Ebene der Pflanzen, können sich die Folgen durch weitere Ebenen eines Ökosystems fortsetzen.
Gerade deshalb ist das gelegentliche Auftreten von Klatschmohn in einer Kulturlandschaft interessant:
Es erzählt etwas darüber, welchen Raum wir neben unserer Nutzung noch anderen Arten lassen.
Vom Schlaf über das Blut bis zur Erinnerung
Kaum eine europäische Wildpflanze trägt gleichzeitig so viele kulturelle Bedeutungen wie der Mohn.
Bereits in der Antike wurden Mohnarten mit Schlaf, Traum, Tod und Vergessen verbunden. Dabei muss allerdings sorgfältig zwischen verschiedenen Mohnarten unterschieden werden: Viele historische Hinweise auf berauschende oder schlaffördernde Wirkungen beziehen sich vor allem auf den Schlafmohn (Papaver somniferum) und dürfen nicht einfach auf den Klatschmohn übertragen werden.
Der rote Klatschmohn entwickelte später eine eigene starke Symbolik.
Seine Farbe wurde mit Blut, Liebe, Vergänglichkeit und Tod verbunden.
Besonders prägend wurde diese Bedeutung nach dem Ersten Weltkrieg. Auf den aufgewühlten Böden ehemaliger Schlachtfelder erschienen Klatschmohnblüten. Durch das 1915 veröffentlichte Gedicht „In Flanders Fields“ von John McCrae wurde der rote Mohn insbesondere im englischsprachigen Raum zum internationalen Symbol des Gedenkens an Kriegstote.
Bis heute werden dort zum Gedenken rote Mohnblumen getragen.
Damit verbindet der Klatschmohn auf ungewöhnliche Weise Natur- und Kulturgeschichte:
Er wächst dort, wo Erde geöffnet wurde.
Er erscheint.
Er blüht kurz.
Er vergeht.
Und seine Samen bleiben zurück.
Vielleicht ist es gerade diese Verbindung von Vergänglichkeit und Wiederkehr, die Menschen seit Generationen in dieser unscheinbaren und zugleich unübersehbaren Pflanze erkennen.
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Vortext / Kommentar / Nachtext: Christoph Maisenbacher (KI-supported) – 19. August 2026
Quelle (vollständig zitierter Text): Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau – Kerstin Theilmann – Universitätskommunikation
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Die Text-Folge „Lebendige Moselweinberge“ ist Dauno gewidmet:
vgl. https://www.trierer-umschau.de/2025-11-03-ba/
