NATUREREIGNISBEGLEITER - TEXT 49 - HERBARIUM PLUS - FOLGE 1
Herbarium PLUS: Johanniskraut an der Mosel – Welche Farbe könnten die Moselhänge der Zukunft haben? | NaturEREIGNISbegleiter – Lebendige Moselweinberge
Kann das Johanniskraut mehr sein als eine Wildpflanze? Mit Herbarium PLUS startet die Trierer Umschau eine neue Unterreihe der „NaturEREIGNISbegleiter / Lebendige Moselweinberge“. Sie verbindet Botanik, Kulturgeschichte und Zukunftsfragen und untersucht, welche Chancen heimische Pflanzen auf ehemaligen Weinbergsflächen bieten könnten – ohne den Weinbau infrage zu stellen. Der Auftakt beginnt mit einer Pflanze, die die Moselhänge bereits heute goldgelb färbt.
Herbarium PLUS – Welche Farbe könnten die Moselhänge der Zukunft haben?
Die Reihe „NaturEREIGNISbegleiter / Lebendige Moselweinberge“ begleitet seit vielen Monaten den Wandel unserer Kulturlandschaft. Sie berichtet über Pflanzen und Tiere, über Weinberge und Weinbergsbrachen, über Klimawandel und Biodiversität – und immer wieder über die Frage, wie sich die Landschaft an Mosel und Saar in den kommenden Jahrzehnten verändern könnte.
Vom Johannistag zur Zukunft der Moselweinberge
Ein besonderer Anlass führte uns nun zu einem neuen Gedanken.
Rund um den Johannistag am 24. Juni haben wir uns mit dem alten Brauchtum der Johannisbüschel beschäftigt (vgl. https:// www.trierer-umschau.de/2026-06-24-aa/ . Damals standen Pflanzen wie Johanniskraut, Beifuß, Schafgarbe, Kamille und Königskerze im Mittelpunkt – Kräuter, die seit Jahrhunderten mit dem Hochsommer, mit Heilwissen und mit der Volkskultur verbunden sind. Was zunächst wie ein Blick in die Vergangenheit erschien, entwickelte sich während unserer Recherchen zu einer überraschenden Frage.
Eine scheinbar einfache Pflanze stellt eine große Frage
Das Johanniskraut wächst bereits heute an vielen Hängen der Mosel. Gleichzeitig erfuhren wir, dass ein erheblicher Teil des in Deutschland benötigten Johanniskrauts aus dem Ausland stammt. Fast unweigerlich entstand daraus ein Gedanke:
Was wäre, wenn eine Pflanze, die an der Mosel längst heimisch ist, künftig nicht nur als Wildpflanze betrachtet würde, sondern auch als eine mögliche Kulturpflanze für geeignete Brachflächen?
Diese Überlegung war nicht als Forderung gemeint und schon gar nicht als Ersatz für den Weinbau.
Der Weinbau bleibt das Herz der Mosellandschaft
Der Weinbau prägt seit Jahrhunderten Landschaft, Geschichte, Kultur und Identität der Mosel. Daran soll sich nichts ändern. Doch gleichzeitig lässt sich nicht übersehen, dass sich vielerorts ehemalige Weinbergsflächen verändern. Manche werden weiterhin bewirtschaftet, andere liegen brach – in den berühmten Steillagen ebenso wie in flacheren Hanglagen oder auf ehemaligen Rebflächen außerhalb der klassischen Weinberge. Die Natur beginnt dort bereits heute, ihre eigenen Antworten zu geben.
Herbarium PLUS – eine journalistische Entdeckungsreise
Genau an dieser Stelle setzt Herbarium PLUS an.
Die neue Unterreihe möchte keine Zukunft vorhersagen und keine fertigen Lösungen präsentieren. Sie versteht sich vielmehr als journalistische Entdeckungsreise. Sie möchte untersuchen, welche Pflanzen bereits heute Teil der Mosellandschaft sind, welche ökologischen Eigenschaften sie besitzen und ob einige von ihnen dort, wo Weinbau dauerhaft nicht mehr möglich oder wirtschaftlich ist, neue Perspektiven eröffnen könnten.
Mehr als Heilpflanzen: Eine neue Sicht auf die Kulturlandschaft
Dabei geht es nicht allein um Kräuter.
Ebenso werden wir Wildpflanzen, Heilpflanzen, Obstgehölze und andere Kulturpflanzen betrachten. Uns interessieren ihre Geschichte ebenso wie ihre ökologische Bedeutung. Wir möchten aber auch fragen, ob sich daraus neue Möglichkeiten für Naturschutz, Biodiversität, Umweltbildung, Direktvermarktung, regionale Produkte oder einen sanften Naturtourismus entwickeln könnten.
Viele Pflanzen – eine gemeinsame Leitfrage
Mit jeder Pflanze entsteht so ein kleines Mosaiksteinchen für ein größeres Bild.
Denn vielleicht verändert sich die Mosellandschaft in den kommenden Jahrzehnten nicht nur durch den Klimawandel oder durch wirtschaftliche Entwicklungen. Vielleicht entstehen an manchen Orten neue Lebensräume, neue Nutzungsformen und neue Farben.
Genau diese Gedanken möchten wir gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern erkunden.
Das neue Konzept: Botanisches Herbarium und Mosel-Zukunftscheck
Aus diesem Grund haben wir den Herbarium-PLUS-Fragenkatalog entwickelt.
Jede vorgestellte Pflanze wird künftig zunächst in einem klassischen botanischen Herbarium beschrieben – mit ihrer Geschichte, ihren Merkmalen, ihrer Bedeutung für Mensch und Natur sowie ihrem Vorkommen an Mosel und Saar.
Anschließend folgt der Mosel-Zukunftscheck.
Er stellt nicht die Vergangenheit der Pflanze in den Mittelpunkt, sondern ihre mögliche Zukunft. Welche Chancen könnte sie auf geeigneten Brachflächen bieten? Welche Grenzen gibt es? Welche Bedeutung hätte sie für Artenvielfalt, Landschaft, regionale Wertschöpfung oder Umweltbildung?
Am Ende jedes Beitrags stehen schließlich zwei Fragen, die die gesamte Reihe begleiten werden.
Sie sollen keine endgültigen Antworten liefern. Sie sollen zum Nachdenken anregen.
Denn vielleicht beginnt jede Veränderung der Landschaft mit einer einfachen Frage:
Könnte diese Pflanze künftig mehr sein als eine Wildpflanze?
Und daraus ergibt sich die Leitfrage der gesamten Reihe:
Welche Farbe könnten die Moselhänge der Zukunft haben?
Auftakt der neuen Reihe: Johanniskraut – die Sonnenpflanze des Hochsommers
Herbarium PLUS – Folge 1
Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Die Sonnenpflanze des Hochsommers
Wer Ende Juni oder Anfang Juli aufmerksam durch die Moselweinberge wandert, entdeckt an vielen sonnigen Böschungen ein leuchtendes Gelb. Zwischen Trockenrasen, alten Weinbergsmauern, Wirtschaftswegen und brachliegenden Rebflächen blüht eine Pflanze, die viele Menschen kennen, ohne ihren Namen zu wissen.
Es ist das Johanniskraut.
Seine Blüte fällt fast genau in jene Zeit des Jahres, in der die Tage am längsten sind und die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat. Seit Jahrhunderten verbinden die Menschen diese Pflanze mit dem Johannistag, mit der Sommersonnenwende, mit Heilwissen und mit zahlreichen Bräuchen. Kaum eine heimische Wildpflanze ist so eng mit dem Hochsommer verbunden wie das Johanniskraut.
Dabei wächst es meist ganz unauffällig. Es drängt sich nicht in den Vordergrund. Wer jedoch stehen bleibt und genauer hinsieht, entdeckt eine erstaunliche Pflanze. Ihre Blätter scheinen im Sonnenlicht von winzigen Punkten durchzogen zu sein, ihre goldgelben Blüten locken zahlreiche Insekten an und ihre Geschichte reicht bis in die Antike zurück.
Für unsere neue Reihe Herbarium PLUS könnte das Johanniskraut kaum passender sein.
Nicht, weil wir bereits wissen, welche Rolle diese Pflanze eines Tages an der Mosel spielen könnte.
Sondern weil sie beispielhaft zeigt, worum es in dieser neuen Unterreihe geht.
Bevor wir später im Mosel-Zukunftscheck gemeinsam der Frage nachgehen, welche Möglichkeiten und Grenzen das Johanniskraut für ehemalige Weinbergsflächen besitzen könnte, möchten wir die Pflanze zunächst kennenlernen.
Denn wer über die Zukunft nachdenken möchte, sollte zunächst verstehen, was bereits heute vor seinen Augen wächst.
Das botanische Herbarium
Eine Pflanze, die das Sonnenlicht in sich trägt
Der deutsche Name Johanniskraut bezeichnet eine ganze Pflanzengruppe. Für Heilpflanzen, Arzneimittel und wissenschaftliche Untersuchungen ist jedoch vor allem eine Art von Bedeutung: das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum).
Es gehört zur Familie der Johanniskrautgewächse (Hypericaceae) und ist eine ausdauernde, mehrjährige Wildpflanze. Je nach Standort erreicht sie eine Höhe von etwa 30 bis 90 Zentimetern. Auf trockenen, nährstoffarmen Böden bleibt sie häufig kleiner und kompakter, während sie auf günstigeren Standorten kräftiger wächst.
Charakteristisch sind ihre aufrechten, meist unverzweigten Stängel. Betrachtet man sie genauer, erkennt man zwei feine Längsleisten, die sich über den gesamten Stängel ziehen. Botaniker nutzen dieses Merkmal häufig zur Bestimmung der Art.
Auch die Blätter besitzen eine Besonderheit. Sie stehen sich paarweise gegenüber und wirken zunächst vollkommen glatt. Hält man sie jedoch gegen das Licht, werden zahlreiche winzige helle Punkte sichtbar. Dabei handelt es sich um durchscheinende Öldrüsen. Sie verleihen der Pflanze ihren wissenschaftlichen Artnamen perforatum – das lateinische Wort bedeutet so viel wie „durchlöchert“. Tatsächlich wirken die Blätter, als hätte jemand sie mit einer feinen Nadel durchstochen.
Noch auffälliger wird das Johanniskraut während der Blüte. Seine goldgelben Blüten bestehen aus fünf Kronblättern und zahlreichen langen Staubblättern, die sich zu kleinen Büscheln zusammenfinden. Zerreibt man eine Blütenknospe zwischen den Fingern, tritt ein rötlicher Pflanzensaft aus. Er enthält unter anderem den Farbstoff Hypericin und gehört zu den bekanntesten Erkennungsmerkmalen der Pflanze.
Das Johanniskraut ist ausgesprochen langlebig. Aus seinem Wurzelstock treibt es Jahr für Jahr erneut aus und bildet mit der Zeit größere Bestände. Gerade an sonnigen Böschungen, Trockenrasen oder auf brachliegenden Flächen kann es ganze Bereiche mit seinem leuchtenden Gelb prägen.
Wer einmal gelernt hat, auf die durchscheinenden Blätter, die goldgelben Blüten und den rötlichen Pflanzensaft zu achten, wird das Johanniskraut auch zwischen vielen anderen Wildpflanzen zuverlässig wiedererkennen.
Wenn die Moselhänge gelb werden
Die Blütezeit des Johanniskrauts beginnt meist um den Johannistag am 24. Juni und reicht – je nach Höhenlage und Witterung – bis weit in den August hinein. Genau dieser zeitliche Zusammenhang hat der Pflanze ihren deutschen Namen gegeben.
In den warmen Sommerwochen öffnen sich nach und nach unzählige Blüten. Jede einzelne hält nur wenige Tage, doch da ständig neue Knospen nachwachsen, bleibt die Pflanze über viele Wochen hinweg ein leuchtender Farbtupfer in der Landschaft.
Besonders eindrucksvoll wirkt das Johanniskraut dort, wo größere Bestände entstanden sind. Sonnige Weinbergsböschungen, Trockenhänge oder ehemalige Rebflächen können sich dann in ein kräftiges Gelb verwandeln. Aus einiger Entfernung scheint es beinahe, als habe die Sommersonne selbst einen Teil ihres Lichtes auf den Boden gelegt.
Die zahlreichen Staubblätter produzieren reichlich Pollen und ziehen viele Insekten an. Für Wildbienen, Schwebfliegen und verschiedene Käferarten gehört das Johanniskraut deshalb zu den wichtigen Blütenpflanzen des Hochsommers.
Seine Blüte markiert zugleich einen besonderen Zeitpunkt im Jahreslauf. Während viele Frühjahrsblumen längst verblüht sind und zahlreiche Sommerpflanzen erst später ihre volle Pracht entfalten, übernimmt das Johanniskraut gewissermaßen die Rolle einer Brückenpflanze. Es verbindet den Frühsommer mit dem Hochsommer – genau jener Zeit, in der die Natur an Mosel und Saar ihre größte Farbenfülle erreicht.
Früchte und Samen – der Weg in die nächste Generation
Nach der Blüte beginnt für das Johanniskraut ein neuer Abschnitt seines Lebenszyklus. Aus den befruchteten Blüten entwickeln sich kleine eiförmige Kapselfrüchte. In ihrem Inneren reifen zahlreiche winzige Samen heran. Obwohl sie nur wenige Millimeter groß sind, tragen sie das Potenzial für eine neue Pflanzengeneration in sich.
Sobald die Früchte im Spätsommer austrocknen, öffnen sich die Kapseln. Wind, Regen, Tiere oder vorbeistreifende Menschen sorgen dafür, dass die feinen Samen in der Umgebung verteilt werden. Viele fallen nur wenige Meter von der Mutterpflanze entfernt zu Boden. Andere gelangen über längere Strecken auf offene Flächen, Böschungen oder Wegränder.
Besonders erfolgreich ist das Johanniskraut dort, wo der Boden nicht vollständig von dichter Vegetation bedeckt ist. Offene, sonnige und eher magere Standorte bieten den jungen Pflanzen gute Voraussetzungen zum Keimen. Deshalb gehört das Johanniskraut zu den Arten, die neu entstandene Freiflächen vergleichsweise schnell besiedeln können.
Sein kräftiger Wurzelstock sorgt außerdem dafür, dass ältere Pflanzen viele Jahre am gleichen Standort überdauern. Während jedes Jahr neue Samen ausgesät werden, wächst gleichzeitig der bestehende Bestand weiter. So entstehen mit der Zeit jene gelb blühenden Flächen, die im Hochsommer an vielen warmen Hängen das Landschaftsbild prägen.
Heilpflanze seit über zweitausend Jahren
Nur wenige heimische Wildpflanzen besitzen eine ähnlich lange Medizingeschichte wie das Johanniskraut.
Bereits Ärzte der griechischen und römischen Antike beschrieben seine Anwendung. Im Mittelalter gehörte es zu den bedeutenden Heilpflanzen der Klostermedizin und wurde in zahlreichen Kräuterbüchern erwähnt. Von dort aus fand sein Wissen Eingang in die Volksmedizin vieler europäischer Regionen.
Bis heute werden vor allem die blühenden Triebspitzen geerntet. Aus ihnen entstehen Tees, Tinkturen, Ölauszüge und verschiedene pflanzliche Arzneimittel. Besonders bekannt ist das intensiv rot gefärbte Johanniskrautöl, das traditionell zur Hautpflege verwendet wird und deshalb häufig auch als „Rotöl“ bezeichnet wird.
In der modernen Pflanzenheilkunde wird Johanniskraut vor allem wegen seiner Inhaltsstoffe Hypericin und Hyperforin wissenschaftlich untersucht. Standardisierte Arzneimittel kommen unter ärztlicher Begleitung insbesondere bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen zum Einsatz. Gleichzeitig wird weiterhin erforscht, welche weiteren Wirkungen die Pflanze besitzt und welche Grenzen ihrer Anwendung gesetzt sind.
Dabei ist jedoch Vorsicht geboten. Johanniskraut kann die Wirkung verschiedener verschreibungspflichtiger Medikamente beeinflussen, weil es deren Abbau im Körper beschleunigen kann. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte Johanniskrautpräparate deshalb niemals ohne ärztlichen oder pharmazeutischen Rat verwenden.
Auch Tiere reagieren unterschiedlich auf die Pflanze. Vor allem hellhäutige Weidetiere können nach dem Verzehr größerer Mengen empfindlicher gegenüber Sonnenlicht werden. Solche Fälle treten jedoch überwiegend dort auf, wo Johanniskraut in ungewöhnlich hohen Mengen aufgenommen wird.
Neben seiner medizinischen Bedeutung besitzt das Johanniskraut bis heute einen festen Platz in der Naturheilkunde, in Kräutergärten und in der traditionellen Pflanzenkunde. Es verbindet jahrhundertealtes Erfahrungswissen mit moderner wissenschaftlicher Forschung – eine Kombination, die nur wenige heimische Wildpflanzen in vergleichbarer Weise aufweisen können.
Johanniskraut sicher bestimmen – Vorsicht vor Verwechslungen
Wer Johanniskraut sammeln möchte, sollte die Pflanze sicher bestimmen können. Zwar gibt es in Deutschland keine giftigen Doppelgänger, die dem Echten Johanniskraut täuschend ähnlich sehen, dennoch wachsen mehrere verwandte Johanniskraut-Arten, die sich in ihrer Wirkung deutlich unterscheiden können.
Zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen gehören die gegenständig angeordneten Blätter mit ihren zahlreichen durchscheinenden Öldrüsen. Hält man ein Blatt gegen das Licht, erscheinen diese wie viele kleine Löcher – daher der wissenschaftliche Name perforatum.
Auch die Blüten liefern einen wichtigen Hinweis. Zerreibt man eine Blütenknospe oder eine geöffnete Blüte vorsichtig zwischen den Fingern, verfärbt sich der austretende Pflanzensaft rötlich. Dieses Merkmal ist typisch für das Echte Johanniskraut.
Beim Sammeln sollte grundsätzlich nur geerntet werden, wenn die Bestimmung zweifelsfrei gelungen ist. Wer unsicher ist, nutzt besser ein aktuelles Bestimmungsbuch oder nimmt an einer Kräuterführung teil. Gerade in den ersten Jahren hilft die Erfahrung erfahrener Botaniker oder Kräuterpädagogen dabei, die charakteristischen Merkmale sicher zu erkennen.
Eine Pflanze mit langer Geschichte
Die Geschichte des Johanniskrauts reicht weit über die heutige Medizin hinaus.
Archäologische und schriftliche Quellen belegen, dass die Pflanze bereits in der Antike bekannt war. Griechische Gelehrte beschrieben ihre Eigenschaften ebenso wie römische Ärzte. Im europäischen Mittelalter gehörte sie zu den wichtigsten Pflanzen der Klostergärten und wurde von Mönchen und Nonnen sorgfältig kultiviert und dokumentiert.
Ihren deutschen Namen erhielt sie durch ihre enge Verbindung zum Johannistag am 24. Juni. Rund um dieses Datum erreicht die Pflanze vielerorts ihre Hauptblüte. Aus dieser zeitlichen Übereinstimmung entwickelte sich über Jahrhunderte eine enge Verbindung zwischen Naturbeobachtung und Brauchtum.
In zahlreichen Regionen Europas wurden Johannisbüschel gebunden, Heilkräuter gesammelt und Johannisfeuer entzündet. Das Johanniskraut galt dabei vielerorts als besondere Schutzpflanze. Man schrieb ihm die Kraft zu, Haus und Hof vor Blitzschlag, Krankheiten oder bösen Einflüssen zu bewahren. Heute werden diese Vorstellungen vor allem als Teil der europäischen Kulturgeschichte verstanden. Sie zeigen jedoch eindrucksvoll, welche Bedeutung Wildpflanzen früher für das Leben der Menschen hatten.
Auch an Mosel und Saar erinnern Flurnamen, alte Überlieferungen und regionale Bräuche daran, dass Pflanzen über Jahrhunderte nicht nur als Nahrung oder Heilmittel betrachtet wurden. Sie waren Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Landschaft.
Gerade deshalb beginnt die Herbarium-PLUS-Reihe mit dem Johanniskraut. Kaum eine andere heimische Pflanze verbindet Natur, Geschichte, Volkskultur und Landschaft in einer ähnlich eindrucksvollen Weise.
Wo Johanniskraut an Mosel, Saar und in Deutschland wächst
Das Echte Johanniskraut ist in weiten Teilen Europas heimisch und gehört heute zu den häufigsten Wildpflanzen Deutschlands. Es kommt von der Küste bis in die Mittelgebirge vor und besiedelt überall dort Flächen, wo ausreichend Licht vorhanden ist.
Besonders wohl fühlt sich die Pflanze an sonnigen Böschungen, Wegrändern, Trockenrasen, Waldrändern und auf mageren Wiesen. Auch stillgelegte oder nur extensiv genutzte Flächen werden von ihr nach und nach besiedelt.
An Mosel und Saar gehört das Johanniskraut seit Langem zum vertrauten Bild der Kulturlandschaft. Es wächst an alten Weinbergsmauern, auf Terrassen, an Wirtschaftswegen, auf Trockenhängen und vielerorts auch auf ehemaligen Rebflächen. Wer in den Sommermonaten aufmerksam durch die Weinlandschaft wandert, wird die gelben Blüten fast überall entdecken.
Dabei ist das Johanniskraut keine Besonderheit einzelner Schutzgebiete. Es gehört vielmehr zu den Pflanzen, die den Charakter sonniger Weinbaulandschaften seit Jahrhunderten mitprägen. Oft bleibt es dennoch unbeachtet – vielleicht gerade deshalb, weil seine leuchtenden Blüten für viele Menschen längst selbstverständlich geworden sind.
Welche Standorte liebt das Johanniskraut?
Das Johanniskraut ist eine ausgesprochene Sonnenpflanze. Es benötigt möglichst viel Licht und entwickelt sich besonders gut auf offenen, nicht beschatteten Flächen.
Am liebsten wächst es auf trockenen bis mäßig frischen, gut durchlässigen Böden. Staunässe verträgt die Pflanze nur schlecht. Schwere, dauerhaft feuchte Böden sind deshalb weniger geeignet.
Mit nährstoffarmen Standorten kommt das Johanniskraut erstaunlich gut zurecht. Gerade dort, wo andere Pflanzen Schwierigkeiten haben, kann es kräftige Bestände bilden. Seine tief reichenden Wurzeln helfen ihm dabei, auch längere Trockenperioden zu überstehen.
Diese Eigenschaften machen das Johanniskraut zu einer typischen Pflanze warmer Hanglagen. Viele der Bedingungen, die an sonnigen Moselhängen herrschen, entsprechen genau seinen natürlichen Ansprüchen.
Gleichzeitig ist die Pflanze vollständig winterhart. Frost übersteht sie problemlos. Im Herbst ziehen die oberirdischen Pflanzenteile zwar weitgehend ein, doch aus dem Wurzelstock treiben im Frühjahr neue Triebe aus.
Warum Johanniskraut für Wildbienen und Insekten so wichtig ist
Das Johanniskraut ist weit mehr als eine Heilpflanze. Es ist zugleich ein wichtiger Bestandteil vieler artenreicher Lebensräume.
Während der langen Blütezeit besuchen zahlreiche Wildbienen, Honigbienen, Schwebfliegen, Käfer und andere Insekten die auffälligen gelben Blüten. Vor allem die reichlich vorhandenen Pollen machen die Pflanze zu einer wertvollen Nahrungsquelle im Hochsommer.
Auch verschiedene Schmetterlingsarten profitieren vom Johanniskraut. Einige nutzen die Pflanze als Nektarquelle, andere sind während ihrer Entwicklung auf sie angewiesen. Damit trägt das Johanniskraut zur Stabilität ökologischer Nahrungsnetze bei.
Wo viele Insekten leben, finden wiederum Vögel Nahrung für ihre Jungen. Gleichzeitig bieten größere Johanniskrautbestände Deckung für zahlreiche kleinere Tierarten.
Damit zeigt sich bereits ein Grundprinzip naturnaher Landschaften: Selbst eine einzelne Pflanzenart kann zahlreiche Verbindungen zu anderen Lebewesen schaffen. Sie ist niemals nur für sich allein von Bedeutung.
Johannisfeuer, Volksglaube und Sonnenwendpflanze
Kaum eine heimische Pflanze ist so eng mit dem Johannistag verbunden wie das Johanniskraut.
Rund um den 24. Juni – den Gedenktag Johannes des Täufers – erreicht die Pflanze vielerorts ihre Hauptblüte. Gleichzeitig feierten Menschen seit Jahrhunderten die Sommersonnenwende mit Johannisfeuern, Kräuterweihe und dem Binden von Johannisbüscheln.
In vielen Regionen galt das Johanniskraut als Schutzpflanze. Man hängte es über Haustüren oder Stallungen, legte es unter das Kopfkissen oder trug es bei sich. Es sollte vor Krankheiten, Gewittern und bösen Einflüssen schützen.
Heute gehören diese Vorstellungen überwiegend zur Volkskunde. Dennoch erzählen sie viel über den früheren Blick der Menschen auf die Natur. Pflanzen waren nicht nur Nahrung oder Heilmittel. Sie waren zugleich Teil des Jahreslaufes, des Glaubens, der Hoffnungen und der Feste.
Auch an Mosel und Saar erinnern zahlreiche Bräuche an diese Zeit. Manche sind fast vergessen, andere werden bis heute gepflegt. Sie zeigen, dass Kulturlandschaft nicht nur aus Weinbergen, Wegen und Mauern besteht. Sie lebt ebenso von Geschichten, Erinnerungen und dem Wissen früherer Generationen.
Perspektivwechsel: Vom Pflanzenporträt zur Zukunft der Mosellandschaft
Mosel-Zukunftscheck
Kann Johanniskraut mehr sein als eine Wildpflanze?
Mit dem botanischen Herbarium haben wir das Johanniskraut als Heilpflanze, Kulturpflanze und festen Bestandteil unserer heimischen Flora kennengelernt. Nun wechseln wir die Perspektive.
Der Mosel-Zukunftscheck fragt nicht mehr in erster Linie, was eine Pflanze ist. Er fragt vielmehr, welche Rolle sie künftig in einer sich wandelnden Kulturlandschaft spielen könnte.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, bestehende Weinberge umzuwandeln oder den Weinbau infrage zu stellen. Die Mosel ist und bleibt eine der bedeutendsten Weinregionen Europas. Ihre Reben prägen seit Jahrhunderten Landschaft, Kultur, Wirtschaft und Tourismus.
Gleichzeitig verändert sich die Region bereits heute. Manche Weinberge werden aufgegeben, andere nur noch extensiv bewirtschaftet. Auf ehemaligen Rebflächen entstehen neue Lebensräume. Genau dort setzt der Mosel-Zukunftscheck an.
Er untersucht, ob einzelne Pflanzen auf solchen Flächen künftig eine ergänzende Rolle spielen könnten – ökologisch, wirtschaftlich oder touristisch.
Das Johanniskraut bildet den Auftakt dieser Betrachtungen.
Warum passt Johanniskraut in Herbarium PLUS?
Kaum eine andere heimische Wildpflanze verbindet so viele Eigenschaften miteinander wie das Johanniskraut.
Es wächst bereits heute an zahlreichen Moselhängen. Es ist an warme, trockene Standorte angepasst. Seine medizinische Nutzung ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Gleichzeitig besitzt es eine jahrhundertealte kulturelle Bedeutung und ist fest mit der Landschaft und dem Johannistag verbunden.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt.
Deutschland gehört zu den wichtigen Verbrauchern von Johanniskraut für Arzneimittel und pflanzliche Präparate. Ein Teil des benötigten Rohstoffs stammt jedoch aus dem Ausland. Daraus ergibt sich zumindest die Frage, ob heimische Anbauflächen langfristig eine größere Rolle spielen könnten.
Ob dies tatsächlich sinnvoll oder wirtschaftlich wäre, muss für jede Region sorgfältig geprüft werden. Genau diese Prüfung möchte Herbarium PLUS leisten.
Ist Johanniskraut für Mosel-Brachflächen geeignet?
Unsere Einschätzung
★★★★★ – sehr gut geeignet
Aus rein botanischer Sicht bringt das Johanniskraut viele Voraussetzungen mit, die für ehemalige Weinbergsflächen günstig sind.
Die Pflanze liebt sonnige, trockene Standorte. Sie kommt mit nährstoffarmen Böden gut zurecht und verträgt sommerliche Hitze deutlich besser als viele andere Wildpflanzen.
Gerade diese Bedingungen finden sich an zahlreichen südlich ausgerichteten Moselhängen bereits heute.
Allerdings bedeutet eine gute botanische Eignung noch nicht automatisch, dass daraus auch eine wirtschaftlich sinnvolle Nutzung entsteht. Zwischen einer geeigneten Pflanze und einem erfolgreichen Anbau liegen viele weitere Fragen – von der Ernte bis zur Vermarktung.
Welche ehemaligen Weinbergsflächen kommen infrage?
Nicht jede Weinbergsbrache ist gleich.
Deshalb muss jede Fläche einzeln betrachtet werden.
Grundsätzlich könnte Johanniskraut auf folgenden Standorten infrage kommen:
● ehemalige Weinberge, die dauerhaft nicht mehr bewirtschaftet werden
● brachliegende Terrassenlagen
● trockene Hangbrachen
● sonnige Böschungen entlang von Wirtschaftswegen
● Flurbereinigungsflächen mit extensiver Nutzung
● Randbereiche von Streuobstwiesen
● andere offene, trockene Flächen mit ausreichender Sonneneinstrahlung
Weniger geeignet erscheinen dagegen dauerhaft feuchte Tallagen oder stark beschattete Flächen.
Entscheidend bleibt stets die konkrete Situation vor Ort.
Wie hoch wäre der Pflegeaufwand?
Unsere Einschätzung
★★☆☆☆ bis ★★★☆☆ – gering bis mittel
Als heimische Wildpflanze benötigt Johanniskraut grundsätzlich wenig Unterstützung.
Ist ein Bestand einmal etabliert, kann er über viele Jahre erhalten bleiben. Dennoch bedeutet eine mögliche Nutzung als Kulturpflanze mehr als das bloße Wachsenlassen.
Je nach Bewirtschaftungsziel müssten Konkurrenzpflanzen reguliert, Erntezeitpunkte abgestimmt und Qualitätsanforderungen eingehalten werden. Auch Pflegearbeiten an Trockenmauern oder Wegen können dazugehören.
Im Vergleich zu vielen anderen Kulturen dürfte der Aufwand dennoch überschaubar bleiben.
Wie könnte die Ernte erfolgen?
Hier stößt jede Überlegung schnell an die Besonderheiten der Mosellandschaft.
In flachen Lagen wäre eine teilweise mechanisierte Ernte grundsätzlich denkbar.
In klassischen Steillagen dagegen bliebe die Handarbeit wahrscheinlich die wichtigste Erntemethode.
Das bedeutet höhere Arbeitskosten.
Gleichzeitig eröffnet gerade die Handernte Möglichkeiten für hochwertige Spezialprodukte. Viele Heilpflanzen werden ohnehin sorgfältig und selektiv geerntet, um eine möglichst hohe Qualität zu erreichen.
Ob dies wirtschaftlich tragfähig wäre, müsste jedoch im Einzelfall untersucht werden.
Welche Produkte lassen sich aus Johanniskraut herstellen?
Die Nutzungsmöglichkeiten des Johanniskrauts sind vielfältig.
Denkbar wären unter anderem:
● Arzneimittel und pflanzliche Präparate
● Johanniskrauttee
● Johanniskrautöl („Rotöl“)
● Naturkosmetik
● Kräutermischungen
● Duft- und Pflegeprodukte
● regionale Spezialitäten für Hofläden oder Direktvermarktung
Nicht jede dieser Produktideen eignet sich automatisch für die Moselregion. Dennoch zeigt sich, dass Johanniskraut weit mehr ist als eine einzelne Heilpflanze. Es besitzt eine erstaunlich breite Palette möglicher Verwendungen.
Gerade diese Vielfalt macht die Pflanze für den Mosel-Zukunftscheck interessant.
Wie groß ist die Nachfrage in Deutschland?
Das Johanniskraut gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Heilpflanzen Deutschlands. Seine Inhaltsstoffe werden seit Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht und in verschiedenen pflanzlichen Arzneimitteln verwendet.
Die Nachfrage stammt aus unterschiedlichen Bereichen.
Den größten Bedarf hat die Arzneimittelindustrie, die standardisierte Extrakte für zugelassene Medikamente verarbeitet. Hinzu kommen Hersteller von Naturkosmetik, Produzenten pflanzlicher Pflegeprodukte sowie der Kräuter- und Teefachhandel.
Auch viele Privatpersonen nutzen Johanniskraut als Tee oder als traditionelles Hausmittel. Darüber hinaus interessieren sich Kräutergärtnereien, Apotheken und Reformhäuser für qualitativ hochwertige Rohware.
Der Markt ist jedoch anspruchsvoll. Für Arzneimittel gelten strenge gesetzliche Vorgaben hinsichtlich Anbau, Ernte, Verarbeitung und Wirkstoffgehalt. Nicht jedes geerntete Johanniskraut erfüllt automatisch diese Anforderungen.
Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob sich regionale Qualitätsprodukte entwickeln ließen, die über Herkunft, Nachhaltigkeit und kurze Transportwege zusätzliche Vorteile bieten.
Wird Deutschland durch Importe versorgt?
Ja.
Ein Teil des in Deutschland verwendeten Johanniskrauts stammt aus Importen. Die Herkunft variiert je nach Erntejahr, Qualität und Marktlage. Zu den Lieferländern gehören unter anderem Staaten in Südosteuropa, aber auch weitere europäische Anbaugebiete.
Daneben existiert bereits heute ein professioneller Heilpflanzenanbau in Deutschland. Dennoch reicht die heimische Produktion nicht immer aus, um den gesamten Bedarf zu decken.
Diese Situation war einer der Ausgangspunkte für unsere Herbarium-PLUS-Reihe.
Sie bedeutet ausdrücklich nicht, dass Johanniskraut künftig großflächig an der Mosel angebaut werden sollte.
Sie wirft jedoch eine interessante Frage auf:
Wenn geeignete Flächen vorhanden sind und gleichzeitig ein Teil des Bedarfs importiert wird – könnten einzelne Regionen künftig einen kleinen Beitrag zur heimischen Versorgung leisten?
Ob daraus tatsächlich wirtschaftliche Perspektiven entstehen, muss sorgfältig untersucht werden.
Professioneller Johanniskrautanbau in Deutschland und Europa
Professioneller Johanniskrautanbau findet bereits in verschiedenen Regionen Europas statt.
Auch in Deutschland gibt es spezialisierte Heilpflanzenbetriebe, die Johanniskraut unter kontrollierten Bedingungen kultivieren. Schwerpunkte liegen unter anderem in Bayern, Thüringen und weiteren Regionen mit geeigneten Böden und entsprechender Verarbeitung.
International gehören unter anderem Österreich, Polen sowie verschiedene Länder Südosteuropas zu den bedeutenden Erzeugern.
Diese Beispiele zeigen, dass Johanniskraut grundsätzlich als Kulturpflanze angebaut werden kann.
Ob sich einzelne Elemente solcher Anbauformen auf die besonderen Bedingungen der Mosel übertragen lassen, wäre jedoch eine eigenständige Fragestellung. Die Steillagen, Trockenmauern und kleinteiligen Parzellen unterscheiden sich deutlich von vielen bestehenden Anbaugebieten.
Gerade deshalb versteht Herbarium PLUS seine Überlegungen als Denkanstoß und nicht als fertiges Konzept.
Kann Johanniskraut eine Chance für Nebenerwerbsbetriebe sein?
Viele ehemalige Weinbergsflächen sind für eine klassische landwirtschaftliche Nutzung nur eingeschränkt geeignet.
Gleichzeitig suchen manche Eigentümer nach Möglichkeiten, kleinere Flächen weiterhin sinnvoll zu bewirtschaften.
Hier könnte Johanniskraut grundsätzlich interessant sein.
Als mehrjährige Pflanze benötigt es nach erfolgreicher Etablierung vergleichsweise wenig Pflege. Die Ernte erfolgt nur einmal jährlich während der Blütezeit. Dadurch könnte sich der Arbeitsaufwand in Grenzen halten.
Andererseits dürfen die wirtschaftlichen Herausforderungen nicht unterschätzt werden.
Die Verarbeitung von Heilpflanzen stellt hohe Anforderungen an Qualität, Trocknung, Lagerung und Vermarktung. Einzelne Kleinbetriebe könnten diese Aufgaben oft nur gemeinsam mit Kooperationspartnern oder Vermarktungsgemeinschaften bewältigen.
Ob Johanniskraut tatsächlich eine wirtschaftliche Ergänzung für Nebenerwerbsbetriebe werden könnte, hängt deshalb weniger von der Pflanze selbst als von den vorhandenen Strukturen der Region ab.
Tourismus zwischen Kräutern, Landschaft und Naturerlebnis
Die Mosel ist weit mehr als eine Weinlandschaft. Sie ist zugleich eine Kultur- und Naturlandschaft, die jedes Jahr zahlreiche Besucherinnen und Besucher anzieht.
Gerade hier könnte das Johanniskraut über seine wirtschaftliche Nutzung hinaus eine weitere Rolle spielen.
Denkbar wären beispielsweise geführte Kräuterwanderungen entlang ehemaliger Weinberge, Lehrpfade über Heilpflanzen, Workshops zur Herstellung traditioneller Kräuteröle oder Kooperationen mit Naturerlebnisbegleitern und regionalen Bildungseinrichtungen.
Auch Direktvermarkter könnten regionale Kräuterprodukte, Tees oder Kosmetikartikel in ihr Sortiment aufnehmen und damit die Geschichte der Landschaft weitererzählen.
Natürlich würde das Johanniskraut allein keinen neuen Wirtschaftszweig begründen.
Doch gemeinsam mit anderen heimischen Heil- und Wildpflanzen könnte es Baustein eines sanften Naturtourismus sein, der Landschaft, Wissen und regionale Produkte miteinander verbindet.
Vielleicht liegt gerade darin eine der spannendsten Perspektiven:
Nicht allein die Pflanze besitzt einen Wert.
Sondern auch die Geschichten, die sie erzählt, die Menschen, die sie vermitteln, und die Landschaft, in der sie wächst.
Johanniskraut als Gewinn für Biodiversität und Artenvielfalt
Wer an Johanniskraut denkt, denkt meist zuerst an eine Heilpflanze. Für die Natur besitzt sie jedoch noch eine ganz andere Bedeutung.
Während ihrer langen Blütezeit gehört sie zu den wichtigen Nahrungsquellen vieler Insekten. Zahlreiche Wildbienen, Honigbienen, Schwebfliegen, Käfer und andere Blütenbesucher sammeln hier Pollen. Auch verschiedene Schmetterlingsarten nutzen das Johanniskraut als Nektarpflanze oder sind in einzelnen Entwicklungsstadien auf die Pflanze angewiesen.
Damit trägt das Johanniskraut dazu bei, dass in den Sommermonaten ein kontinuierliches Nahrungsangebot zur Verfügung steht – eine wichtige Voraussetzung für stabile Insektenpopulationen.
Davon profitieren wiederum andere Tierarten. Wo viele Insekten leben, finden Vögel Nahrung für ihre Jungen. Gleichzeitig entstehen strukturreiche Lebensräume, die zahlreichen weiteren Organismen zugutekommen.
Natürlich ersetzt eine einzelne Pflanzenart keine artenreiche Wiese. Entscheidend bleibt immer die Vielfalt verschiedener Pflanzen. Doch gerade das Johanniskraut kann ein wichtiger Bestandteil solcher Lebensgemeinschaften sein.
Aus ökologischer Sicht spricht deshalb vieles dafür, dass bestehende Bestände erhalten und – wo es sinnvoll ist – in artenreiche Pflanzengesellschaften eingebunden werden.
Wie kommt Johanniskraut mit Hitze und Trockenheit zurecht?
Der Klimawandel verändert auch die Moselregion. Längere Trockenperioden, häufigere Hitzewellen und intensivere Sonneneinstrahlung stellen viele Pflanzen vor neue Herausforderungen.
Das Johanniskraut gehört zu den Arten, die mit solchen Bedingungen vergleichsweise gut zurechtkommen.
Seine tief reichenden Wurzeln erschließen auch in trockenen Sommern Wasserreserven im Boden. Gleichzeitig ist die Pflanze an sonnige Standorte angepasst und verträgt hohe Temperaturen deutlich besser als viele feuchtigkeitsliebende Arten.
Diese Eigenschaften machen das Johanniskraut zu einer sogenannten trockenheitsverträglichen Pflanze.
Dennoch gilt auch hier: Selbst robuste Arten haben ihre Grenzen. Extreme Dürre über längere Zeiträume oder außergewöhnliche Wetterereignisse können ebenfalls ihre Entwicklung beeinträchtigen.
Aus heutiger Sicht spricht jedoch vieles dafür, dass das Johanniskraut mit den prognostizierten Klimaveränderungen besser umgehen kann als zahlreiche andere heimische Pflanzenarten.
Welche Chancen ergeben sich für die Moselregion?
Nicht jede ehemalige Weinbergsfläche wird künftig wieder mit Reben bepflanzt werden können. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe – wirtschaftliche, demografische oder auch klimatische.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf mögliche Ergänzungen der bestehenden Kulturlandschaft.
Das Johanniskraut könnte dabei verschiedene Chancen eröffnen.
Ökologisch trägt es zur Förderung der Artenvielfalt bei und bereichert sonnige Offenlandschaften.
Kulturell knüpft es an jahrhundertealte Traditionen rund um den Johannistag und die Heilpflanzenkunde an.
Touristisch könnte es Bestandteil von Kräuterwanderungen, Naturführungen oder Umweltbildungsangeboten werden.
Wirtschaftlich wären regionale Heilpflanzenprodukte, Kooperationen mit Kräuterbetrieben oder eine ergänzende Direktvermarktung denkbar.
Keine dieser Möglichkeiten wird den Weinbau ersetzen.
Doch vielleicht können sie dort neue Perspektiven eröffnen, wo klassische Nutzungsformen an ihre Grenzen stoßen.
Gerade in ihrer Vielfalt könnten solche ergänzenden Ideen dazu beitragen, ehemalige Weinbergsflächen wieder stärker in das Leben der Region einzubinden.
Grenzen und Herausforderungen einer möglichen Nutzung
So spannend die Überlegungen auch sind – sie dürfen die Realität nicht ausblenden.
Der professionelle Anbau von Johanniskraut ist anspruchsvoller, als es auf den ersten Blick erscheint.
Für Arzneimittel müssen hohe Qualitätsstandards eingehalten werden. Ernte, Trocknung, Lagerung und Verarbeitung unterliegen strengen Anforderungen. Gleichzeitig schwanken Marktpreise und Nachfrage.
Auch die besonderen Bedingungen der Mosel stellen Herausforderungen dar.
Viele ehemalige Weinbergsflächen sind kleinparzelliert, steil oder nur schwer erreichbar. Mechanisierung ist dort häufig kaum möglich. Dadurch steigen Arbeitsaufwand und Kosten erheblich.
Hinzu kommt, dass nicht jede Brache automatisch für eine Nutzung geeignet ist. Manche Flächen entwickeln sich bewusst zu wertvollen Naturlebensräumen und sollten möglichst ungestört bleiben. Andere könnten aus naturschutzfachlicher Sicht eine extensive Pflege benötigen, ohne wirtschaftlich genutzt zu werden.
Deshalb versteht Herbarium PLUS seine Überlegungen ausdrücklich nicht als Handlungsempfehlung.
Vielmehr möchten wir Möglichkeiten aufzeigen, Fragen stellen und Denkanstöße geben.
Welche Lösungen sich langfristig entwickeln, wird von vielen Faktoren abhängen – von Forschung und Politik ebenso wie von den Menschen vor Ort.
NaturEREIGNIS-Fazit
Ökologische Bewertung
★★★★★
Begründung: Das Johanniskraut ist eine heimische Wildpflanze mit hoher Bedeutung für zahlreiche Insektenarten. Es fördert die biologische Vielfalt, ist an trockene Standorte angepasst und fügt sich hervorragend in artenreiche Offenlandschaften ein.
Wirtschaftliche Bewertung
★★★★☆
Begründung: Die Nachfrage nach Johanniskraut ist vorhanden. Gleichzeitig stellen Qualitätsanforderungen, Ernte und Vermarktung hohe Ansprüche. Wirtschaftliche Chancen bestehen vor allem bei hochwertigen Nischenprodukten und regionaler Wertschöpfung.
Zukunftspotenzial für Mosel-Brachflächen
★★★★☆
Begründung: Botanisch bringt das Johanniskraut viele günstige Eigenschaften mit. Ob daraus langfristig tragfähige Nutzungskonzepte entstehen, hängt jedoch von regionalen Kooperationen, Marktbedingungen und den jeweiligen Standortverhältnissen ab.
Die NaturEREIGNIS-Fragen
Könnte Johanniskraut künftig mehr sein als eine Wildpflanze?
Vielleicht.
Das Johanniskraut zeigt beispielhaft, worum es in Herbarium PLUS geht. Es wächst bereits heute an vielen Moselhängen, liebt genau jene trockenen und sonnigen Standorte, die vielerorts vorhanden sind, und besitzt gleichzeitig eine nachgewiesene wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung.
Ob daraus eines Tages tatsächlich eine ergänzende Kulturpflanze auf einzelnen ehemaligen Weinbergsflächen werden kann, lässt sich heute noch nicht beantworten.
Aber die Frage lohnt sich.
Denn jede Zukunft beginnt damit, bekannte Dinge neu zu betrachten.
Welche Farbe könnten die Moselhänge der Zukunft haben?
Vielleicht werden manche Hänge auch künftig vom satten Grün der Reben geprägt sein.
Vielleicht werden andere – dort, wo Weinbau dauerhaft nicht mehr möglich oder wirtschaftlich ist – im Hochsommer in einem warmen Goldgelb aufleuchten.
Nicht als Zeichen dafür, dass der Wein verschwunden ist.
Sondern als Ausdruck einer Landschaft, die sich weiterentwickelt und neue Wege findet, ihre Vielfalt zu bewahren.
Vielleicht wird gerade dieses Gelb des Johanniskrauts zu einer von vielen Farben, mit denen die Natur die Zukunft der Mosel malt.
Und vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Aufgabe von Herbarium PLUS:
Nicht Antworten vorzugeben.
Sondern gemeinsam mit unseren Leserinnen und Lesern zu fragen, welche Möglichkeiten bereits heute in unserer Landschaft wachsen.
Alle Texte zum Thema „NaturEREIGNISbegleiter / Lebendige Moselweinberge“ finden Sie unter:
https://www.trierer-umschau.de/netzwerk/naturereignisbegleiter/
Vortext / Kommentar: Christph Maisenbacher (KI-supported) – 8. Juli 2026
Quelle (vollständig zitierter Text): *
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
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Foto 1: NickyPe – Pixabay – Logo: © DLR Mosel – Logo: © DLR Mosel – Foto 2 und 3: Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau
Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter:
https://www.trierer-umschau.de/2026-07-08-cb/
Die Text-Folge „Lebendige Moselweinberge“ ist Dauno gewidmet:
vgl. https://www.trierer-umschau.de/2025-11-03-ba/
