TRIER-WETTER & SENCKENBERG GESELLSCHAFT FÜR NATURFORSCHUNG
Bärengedenktag: Warum Braunbären für Europas Natur wichtiger sind als viele glauben
39 Grad in Trier, Hitzewelle in Europa – und ein Braunbär erinnert an eine viel größere Frage: Welche Rolle spielen große Wildtiere für unsere Natur? Zwanzig Jahre nach Bruno verbindet dieser Beitrag aktuelle Wetterextreme mit neuer Forschung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung über Braunbären, Biodiversität und Klimawandel.
Hitzewelle in Trier: Wenn der Ausnahmezustand zum Alltag wird
Ausnahmezustand Hitzewelle – Ausnahmezustand in Trier.
Das seit gestern laufende Trierer Altstadtfest wurde trotz der extremen Temperaturen nicht abgesagt. Auch auf ein Alkoholverbot wurde verzichtet. Neben den bereits vorhandenen Trinkwasserspendern an der Porta Nigra, auf dem Domfreihof und auf dem Kornmarkt wurde zusätzlich auf dem Viehmarktplatz eine weitere Trinkwasserstelle eingerichtet. (Siehe auch: https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/trier/altstadtfest-trier-40-grad-hitze-alkohol-gefahr-alkoholverbot-frankreich-100.html)
Und die Trierer Umschau ist heute etwas später mit ihrem Wetterblick auf Trier.
Unsere beiden Dachtauben haben Hitzefrei.
Mehr als 39 Grad müssen sie heute auch nicht kommentieren.
Für die kommenden Tage versprechen die Wettermodelle etwas Entspannung: Nachttemperaturen um 15 Grad und Höchstwerte von etwa 27 Grad lassen wieder durchatmen. Doch angenehmeres Wetter sollte uns nicht vergessen lassen, worauf uns diese Hitzewelle erneut aufmerksam macht: Der Klimawandel ist längst kein fernes Zukunftsszenario mehr. Er verändert unseren Alltag bereits heute. (vgl. https://www.trierer-umschau.de/2026-06-26-aa/)
Unser Blick auf vier Hauptstädte der Europäischen Union zeigt, dass Trier mit der Hitze nicht allein ist. Für heute werden Warschau mit 35 Grad, Wien mit 38 Grad, Vilnius mit 30 Grad und Zagreb mit 35 Grad erwartet.
Nicht vergessen: Was uns der Bärengedenktag erinnert
Nicht vergessen.
Vielleicht ist das überhaupt eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.
Nicht nur die Hitze von heute sollten wir ernst nehmen.
Sondern auch das Wissen, das wir über unsere Natur in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen haben.
Genau dieses Nicht-Vergessen führt uns heute zwanzig Jahre zurück.
Zum 26. Juni 2006.
Zu einem Braunbären mit dem Namen Bruno (JJ1).
Sein Schicksal löste damals weit über Bayern hinaus eine Diskussion aus, die bis heute andauert: Wie gehen wir mit großen Wildtieren um, wenn sie in unsere Kulturlandschaften zurückkehren?
Der heutige Bärengedenktag in Deutschland erinnert deshalb nicht nur an Bruno. Er lädt auch dazu ein, unser Bild vom Braunbären zu hinterfragen. (Siehe dazu: https://www.baer.de/ sowie https://www.kuriose-feiertage.de/baerengedenktag-in-deutschland/#Wer_hat_den_Baerengedenktag_ins_Leben_gerufen)
Für die Trierer Umschau ist dies Anlass, einen Blick auf den Braunbären – und zum Vergleich auch auf den Wolf – in Deutschland und Europa zu werfen. Nicht aus der Perspektive alter Ängste, sondern auf Grundlage heutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse. Denn gerade in einer Zeit des Klimawandels zeigt sich immer deutlicher, welche Bedeutung große Wildtiere für die Stabilität unserer Ökosysteme besitzen.
Bruno und die Rückkehr der Wildnis nach Europa
Manchmal braucht es den Tod eines einzelnen Tieres, damit wir beginnen, über Hunderttausende Jahre gemeinsamer Geschichte von Mensch und Natur neu nachzudenken.
Bruno war ein solcher Braunbär. Sein Name löste Schlagzeilen aus, sein Tod ebenso. Doch zwanzig Jahre später lohnt es sich, weniger über Bruno selbst zu sprechen als über die Frage, warum uns Braunbären überhaupt noch immer so sehr beschäftigen.
Vielleicht erinnern sie uns an eine Zeit, in der der Mensch die Natur noch nicht beherrschte. Vielleicht aber auch deshalb, weil wir bis heute Geschichten erzählen, die stärker wirken als wissenschaftliche Erkenntnisse.
Seit Jahrhunderten begegnen uns Bären und Wölfe in Märchen, Sagen und Erzählungen. Mal erscheinen sie als gefährliche Räuber, mal als Sinnbilder ungezähmter Wildnis. Diese Bilder haben sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägt.
Mit der biologischen Wirklichkeit haben sie jedoch oft nur wenig gemeinsam.
Der Höhlenbär und unsere gemeinsame Geschichte
Die Geschichte des Braunbären beginnt lange vor unseren Märchen.
Vor mehreren Hunderttausend Jahren teilten sich frühe Menschen und der gewaltige Höhlenbär (Ursus spelaeus) dieselben Landschaften Europas. Beide suchten geschützte Höhlen, beide benötigten große Lebensräume. Der Höhlenbär verschwand schließlich vor rund 24.000 Jahren. Nach heutigem Forschungsstand waren Klimaveränderungen, der Rückgang geeigneter Nahrung und der zunehmende Einfluss des Menschen gemeinsam dafür verantwortlich. Der Mensch blieb. Der Höhlenbär verschwand. Sein naher Verwandter, der Braunbär (Ursus arctos), überlebte – allerdings um den Preis, dass auch er über Jahrhunderte immer weiter aus unseren Landschaften verdrängt wurde.
Und dennoch ist der Braunbär nie aus Europa verschwunden.
Wer heute an Braunbären denkt, denkt häufig zuerst an Alaska oder Kanada. Tatsächlich lebt der Braunbär bis heute mitten in Europa.
Vom Polarkreis Finnlands über die ausgedehnten Wälder Schwedens, die Gebirgslandschaften Sloweniens und Kroatiens, die Wälder der Slowakei und die Karpaten Rumäniens bis zu den Abruzzen und dem Trentino in Italien reicht sein heutiges Verbreitungsgebiet. Auch in Österreich leben Braunbären oder wandern regelmäßig aus Slowenien ein. Immer wieder erreichen einzelne Tiere über die Alpen auch Deutschland. Bruno war einer von ihnen – nicht der erste Braunbär Europas, sondern der erste, der viele Menschen in Deutschland nach langer Zeit wieder daran erinnerte, dass Wildnis zurückkehren kann. (vgl. Bundesamt für Naturschutz: https://www.bfn.de/grossraubtiere sowie Europäische Kommission – Large Carnivore Populations Across Europe: https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/habitats-directive/large-carnivores_en?prefLang=de&etrans=de )
Zwischen Angst und Wirklichkeit
Trotzdem begegnen viele Menschen dem Braunbären bis heute mit Sorge.
Diese Sorge ist verständlich.
Sie ist aber häufig größer als das tatsächliche Risiko.
Braunbären meiden den Menschen in aller Regel. Mit ihrem außergewöhnlich feinen Geruchssinn nehmen sie uns meist wahr, lange bevor wir sie entdecken. Die meisten Begegnungen enden deshalb, ohne dass der Mensch den Bären überhaupt zu Gesicht bekommt. Auch Wölfe verhalten sich ähnlich. Beide Arten suchen normalerweise keine Nähe zum Menschen. (vgl. Bundesamt für Naturschutz: https://www.bfn.de/grossraubtiere)
Vielleicht liegt genau darin unsere größte Aufgabe.
Nicht jede Angst ist unbegründet.
Aber nicht jede Angst beschreibt die Wirklichkeit.
Unsere Märchen erzählen vom bösen Wolf.
Unsere Geschichten zeigen den gefährlichen Bären.
Die Natur erzählt häufig etwas anderes.
Warum Braunbären für die Biodiversität wichtig sind
Wolf und Braunbär gehören seit Hunderttausenden von Jahren zu den europäischen Ökosystemen. Nicht als Störenfriede, sondern als Teil eines empfindlichen Gleichgewichts.
Am Wolf konnten Wissenschaftler bereits zeigen, wie Spitzenprädatoren die Entwicklung ganzer Ökosysteme beeinflussen können. Der Braunbär übernimmt eine andere Aufgabe. Als einer der größten Allesfresser Europas verbindet er unterschiedliche Lebensräume, verteilt Samen, transportiert Nährstoffe und trägt dazu bei, natürliche Stoffkreisläufe aufrechtzuerhalten. Gerade diese außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit macht ihn heute für die Forschung besonders interessant.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, warum der Braunbär zurückkehrt.
Vielleicht sollten wir vielmehr fragen, warum wir so lange geglaubt haben, Europa sei ohne ihn vollständiger.
Der Bärengedenktag erinnert deshalb nicht nur an Bruno.
Er erinnert uns daran, dass die Rückkehr großer Wildtiere auch eine Rückkehr wissenschaftlicher Erkenntnisse bedeutet. Viele Vorstellungen über Braunbären stammen aus einer Zeit, in der wir ihre ökologische Bedeutung noch kaum verstanden. Heute wissen wir deutlich mehr.
Neue Forschung: Was Senckenberg über Braunbären herausgefunden hat
Genau hier setzt eine aktuelle internationale Studie der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung an.
Sie untersucht den Braunbären nicht als Konflikttier, sondern als einen wichtigen Bestandteil funktionierender Ökosysteme. Die Forschenden zeigen, wie flexibel Braunbären auf Umweltveränderungen reagieren und welche Rolle große Allesfresser für Biodiversität, Nahrungsnetze und die Stabilität unserer Natur spielen können.
Welche neuen Erkenntnisse die Wissenschaft gewonnen hat und warum diese gerade im Zeitalter des Klimawandels von besonderer Bedeutung sind, zeigt die folgende Pressemitteilung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.
„Bären: Konsumverhalten im Klimawandel
Bären sind wahre Allesfresser. Diese Flexibilität macht sie zu erfolgreichen Überlebenskünstlern in verschiedensten Lebensräumen. Ein internationales Forschungsteam um Senckenberg-Wissenschaftler Dr. Jörg Albrecht hat nun erstmals in großem Umfang ökologische und paläoökologische Daten zu sieben Bärenarten ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten Bärenarten ihre Ernährung je nach Klima und Nahrungsangebot flexibel anpassen und damit auch ihre ökologische Funktion ändern. Das Forschungsteam zeigt in der neuen Studie, dass eine veränderte Rolle großer Raubtiere die Widerstandsfhigkeit von Ökosystemen gegenüber dem globalen Wandel stärken könnte.
Beeren, Wurzeln, Nüsse und Gräser, aber auch Insekten, Fische oder Säugetiere – der Speiseplan von Bären ist abwechslungsreich. Je nach Art und Jahreszeit variiert die Zusammensetzung ihrer Nahrung stark. So frisst der Braunbär im Sommer und Herbst vor allem Beeren oder Nüsse und im Frühjahr mehr Fleisch. Diese Anpassungsfähigkeit macht Bären zu erfolgreichen Überlebenskünstlern in verschiedensten Regionen der Erde, von arktischen Tundren bis zu dichten tropischen Wäldern. „Allesfresser, sogenannte Omnivoren, können in Ökosystemen eine dynamische und stabilisierende Rolle einnehmen, wenn sich Umweltbedingungen verändern. Obwohl es sie in nahezu allen Ökosystemen und Nahrungsnetz-Ebenen gibt, wissen wir bislang erstaunlich wenig darüber, wie sie in terrestrischen Lebensräumen auf Veränderungen reagieren“, erklärt Dr. Jörg Albrecht vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt.
In einer neuen Studie hat Albrecht gemeinsam mit einem internationalen Team aus 18 europäischen und kanadischen Forscher*innen erstmals umfangreiche ökologische und paläoökologische Daten zu sieben Bärenarten – den größten landlebenden Raubtieren – kombiniert. „Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Raubtieren bevorzugen Bären eine vergleichsweise eiweißarme Ernährung. Die meisten Arten zeigen zudem deutlich weniger anatomische und physiologische Merkmale, die sie auf Fleischkonsum festlegen würden. Diese Flexibilität ermöglicht ihnen eine außergewöhnlich vielseitige Ernährung“, erläutert der Senckenberg-Forscher und fährt fort: „Dadurch übernehmen Bären viele ökologische Rollen zugleich: Sie jagen Beutetiere, fressen Aas, breiten Samen aus und ernähren sich von Pflanzen. Auf diese Weise beeinflussen sie Beutetierbestände, das Wachstum und die Verbreitung von Pflanzen, den Nährstoffkreislauf und den Energiefluss – sowohl in Land- als auch in Gewässerökosystemen.“
Durch die Kombination makroökologischer und paläoökologischer Methoden konnten die Forschenden zeigen, dass die meisten Bärenarten ihre Stellung im Nahrungsnetz flexibel an die Verfügbarkeit von Ressourcen und an das Klima anpassen. In Regionen mit geringem Nahrungsangebot und kurzen Vegetationsperioden ernähren sie sich stärker fleischbasiert, während sie in produktiven Gebieten mit langen Wachstumszeiten vor allem pflanzliche Nahrung bevorzugen. „Unsere Isotopenanalysen an fossilen Bärenknochen aus dem späten Pleistozän und Holozän zeigen zudem, dass der Europäische Braunbär im Zuge steigender Primärproduktion und längerer Vegetationsperioden nach der letzten Eiszeit vor circa 12.000 Jahren zunehmend auf pflanzliche Nahrung umstieg“, ergänzt Koautor Prof. Dr. Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen.
Die Studie unterstreicht den Wert naturhistorischer Sammlungen für die Forschung zu globalen Umweltveränderungen. Das Team untersuchte Knochenmaterial von Braunbären und Rothirschen, das in 14 naturhistorischen und paläontologischen Sammlungen in ganz Europa aufbewahrt wird. Rothirsche wurden einbezogen, da sie ausschließlich pflanzliche Nahrung zu sich nehmen und somit eine klare Referenz liefern, um zu bestimmen, ob Braunbären auf niedrigeren oder höheren Ebenen des Nahrungsnetzes fressen. „Die Arbeit mit den Sammlungsobjekten gleicht einer Detektivarbeit: Isotopenanalysen eröffnen ein Fenster in die Vergangenheit und ermöglichen es uns, zu rekonstruieren, was diese Tiere vor Tausenden von Jahren während der letzten Eiszeit gefressen haben – zu einer Zeit, als die Welt ganz anders war als heute“, so Seniorautorin Prof. Dr. Nuria Selva von der Doñana Biological Station (CSIC) in Spanien und dem Institut für Naturschutz der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN).
Die Ergebnisse zeigen einen bisher wenig beachteten Zusammenhang: Große Allesfresser verändern ihre Rolle im Ökosystem – das Forschungsteam spricht von einer „trophischen Neuverdrahtung“. „Unsere Ergebnisse heben die entscheidende Rolle der omnivoren Megafauna, zu der viele große Fleischfresser gehören, in Ökosystemen hervor. Sie können dazu beitragen, dass Nahrungsnetze trotz globaler Umweltveränderungen wie dem Klimawandel stabil bleiben. Auf diese Weise tragen große Fleischfresser zur Resilienz und Stabilität von Ökosystemen bei, was in einer sich schnell verändernden Welt von entscheidender Bedeutung ist“, sagt Selva.
Albrecht fasst zusammen: „Der globale Wandel verändert die Struktur von Nahrungsnetzen an Land und im Wasser grundlegend – mit teils drastischen Folgen für ganze Ökosysteme. Gerade große Allesfresser an der Spitze der Nahrungskette sind hier besonders interessant. Sie nutzen ein breites Spektrum an Nahrungsquellen, sind sehr anpassungsfähig und reagieren oft schnell auf Umweltveränderungen. Wenn sich ihre Rolle im Ökosystem – etwa von Räubern zu Pflanzenfressern – verschiebt, kann das die Struktur ganzer Nahrungsnetze verändern. Die Art und Weise, wie Allesfresser auf Umweltveränderungen reagieren, könnte daher ein empfindlicher Frühindikator für tiefgreifende Umbrüche in Ökosystemen sein.“
Originalpublikation:
Albrecht, J., Bocherens, H., Hobson, K.A. […] & Selva, N. (2025) Dynamic omnivory shapes the functional role of large carnivores under global change. Nature Communications 16:10896. https://doi.org/10.1038/s41467-025-65959-7 “
Wir wünschen Ihnen Frieden!*
Vortext / Kommentar: Christoph Maisenbacher (KI supported) – 27. Juni 2026
Quelle (vollständig zitierter Text): Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung – Judith Jördens – Senckenberg Pressestelle
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
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Foto: © Trierer Umschau
Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter:
https://www.trierer-umschau.de/2026-06-27-ab/
* warum wir Ihnen Frieden wünschen:
https://www.trierer-umschau.de/2025-07-29-aa/
** unsere zwei für das Wetter zuständigen Dach-Tauben haben wir vorgestellt in:
https://www.trierer-umschau.de/2026-05-12-aa/
