Das Wort, wie ich als Autor es sehe.- Diese Illustration braucht keine Worte, oder?
Foto: Illustration: KI-generiert / Trierer Umschau

DAS WORT - DAS SPRECHEN

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Warum Sprache, Demokratie und Dialog heute wichtiger sind denn je

Worte können verbinden oder zerstören. Ein essayistischer Text über Demokratie, das Grundgesetz, die Kraft der Sprache und die Frage, warum echter Dialog in einer Zeit globaler Konflikte und gesellschaftlicher Fragmentierung überlebenswichtig geworden ist. Mit einem übernommenen Beitrag der internationalen Presseagentur Pressenza.

 

Worte zwischen Halt und Zerfall

 

Wohin? Stellen Sie sich mitunter diese Frage im Trubel des Alltags? Wohin mit uns, das das direkte Du betrifft, die Familie, die Gemeinschaft, ein Land, unsere Welt? Wohin mit dem, was uns im Grunde verbindet: das Wort, die Sätze, das Reden und damit die Sprache? Wohin mit dem Sachverhalt, dass ein Wort jede Umarmung in ihrer Symbolik zunichtemachen kann? Wohin mit dem Sachverhalt, dass ein Ja und ein Nein scheinbar keine Gültigkeit mehr haben? Wohin damit, dass Worte austauschbar werden und dass Sätze zu Kartenhäusern werden, die ohne Halt zusammenfallen?

Wohl deshalb ist der Schnellkleber erfunden. Oder anders formuliert: Als Autor und als Mensch glaube ich an das Wort, seinen Inhalt, seine Unumstößlichkeit, seine Stärke. Oder noch anders formuliert: Ich gebe dem Wort die Chance, stärker zu sein als alles andere. Denn mit dem Wort können wir das zum Ausdruck bringen, was wir wollen. Mit dem Wort können wir uns gegen Worte wehren, die uns beherrschen wollen.

 

Demokratie, Grundgesetz und die Verantwortung der Sprache

 

Deshalb vertrete ich als Autor über die Trierer Umschau diese Idee, dass Diplomatie (also Worte) jeder Form des Krieges oder der Destruktion dominiert. Deshalb vertrete ich als Autor die Idee, dass es gemeinsame Worte gibt, die wie ein Rahmen unser Menschsein mit Rechten ausstattet: das Grundgesetz (vgl. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/ ), die Menschenrechte (https://www.ohchr.org/en/human-rights/universal-declaration/translations/german-deutsch?LangID=ger ), der Gründungsvertrag der Vereinten Nationen (vgl. https://unric.org/de/charta/ ) sowie all die Vereinbarungen zum Schutz unserer Umwelt und Natur. Und wohl deshalb höre ich nicht auf, Worte anzubieten.

 

Der 23. Mai und die Erinnerung an die Zerbrechlichkeit der Demokratie

 

Der verstrichene Tag des Grundgesetzes (der 23. Mai) erinnerte daran, dass Demokratie niemals selbstverständlich ist. Das Grundgesetz entstand nicht in einer Zeit der Ruhe, sondern aus den Erfahrungen von Krieg, Diktatur, Angst und menschlicher Zerstörung. Seine Worte wurden formuliert, damit Macht begrenzt, Würde geschützt und Konflikte nicht mehr mit Gewalt beantwortet werden. Vielleicht ist es deshalb weit mehr als ein juristischer Text: Es ist ein sprachlich errichteter Schutzraum für das Menschsein selbst. Ein Schutzraum aus Worten!

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

 

Und vielleicht sollten wir gerade heute wieder bewusster lesen, womit es beginnt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (vgl. Grundgesetz Artikel 1.1). Nicht Stärke. Nicht Sieg. Nicht Macht. Sondern Würde. In einer Zeit, in der Sprache oft aggressiver, schneller und verletzender wird, erinnert das Grundgesetz daran, dass Demokratie vom Zuhören, vom Widerspruch ohne Vernichtung und vom Ringen um gemeinsame Worte lebt. Vielleicht braucht unsere Gesellschaft deshalb heute nicht weniger Sprache, sondern mehr und vor allem verantwortungsvolle Sprache.

 

Sprache als Voraussetzung für Frieden und Versöhnung

 

Und wohl deshalb bedanke ich mich bei der Internationalen Presseagentur Pressenza für die Distribution des Artikels von David Andersson und Dennis Redmond, den ich hier gerne übernehme. Ganz nach dem oben entwickelten Bild, dass möglicherweise eine Phase vor uns steht, in der jeder Einzelne für sich anfangen sollte, seine Worte mit Schnellkleber zu versehen, sodass die damit konstruierten Sätze Halt haben:

 

Eine neue Sprache für eine neue Menschheit

In Musik, Malerei und Tanz gibt es stets die Suche nach neuen Ausdrucksformen, die aktuelle Stile, Tendenzen und Sensibilitäten widerspiegeln und zugleich einen Hinweis auf Kommendes geben.

Von David Andersson und Dennis Redmond

Wir alle sind Kommunikatoren. Wie Künstler brauchen auch wir Disziplin in der Art und Weise, wie wir uns ausdrücken. Wir müssen nach einer neuen, universellen Sprache suchen, die unserer Zeit und unserer Vision der Zukunft entspricht.

In seinem Vortrag „Die Vorbedingungen des Dialogs“ aus dem Jahr 1993 argumentiert Silo *, dass ein echter Dialog weit über den bloßen Austausch von Worten oder logischen Argumenten hinausgeht. Formale Bedingungen – wie die Einigung auf ein gemeinsames Thema, die Beimessung ähnlicher Bedeutungen und die Verwendung gemeinsamer Definitionen – sind zwar notwendig, aber nicht ausreichend. Wahrer Dialog hängt von tieferen, oft unsichtbaren „vordialogischen“ Elementen ab: den Absichten, Glaubensgewissheiten, Bewertungen und Interessen, die jeder Teilnehmer mitbringt, noch bevor ein Wort gesprochen wird. Diese zugrunde liegenden Rahmenbedingungen prägen nicht nur das Gesagte, sondern auch die Art und Weise, wie Worte gehört werden. Sie erklären oft, warum Menschen die Sprache des anderen verstehen können und dennoch nicht wirklich zueinanderfinden.

Silo betont, dass diese vordialogischen Bedingungen in breiteren historischen und sozialen Kontexten verwurzelt sind. Das macht Dialog besonders schwierig, wenn die Beteiligten unterschiedlichen Weltanschauungen oder Sensibilitäten angehören. Er weist darauf hin, dass viele Ideen – insbesondere jene, die ihrer Zeit voraus sind – zunächst auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen, weil sie mit vorherrschenden Überzeugungen kollidieren. In der heutigen globalen Krise erschweren oberflächliche oder fragmentierte Ansätze einen sinnvollen Dialog über grundlegende Fragen, da dominante Systeme und Annahmen weitgehend unhinterfragt bleiben. Letztlich ist authentischer Dialog nach Silo ein lebendiger, menschlicher Prozess, der auf gemeinsamer Transformation beruht. Er kann sich nur vertiefen, wenn Individuen und Gesellschaften beginnen, über überlieferte Illusionen hinauszugehen und sich neuen Formen des Verstehens zu öffnen.

Heute leben wir in einer fragmentierten und destrukturierten Welt, in der sich ein echter Dialog nur schwer entfalten kann. Das zeigt sich auf internationaler Ebene etwa in den Konflikten zwischen der Ukraine und Russland, dem Iran und Israel, Israel und Palästina oder China und den Vereinigten Staaten. In vielen Fällen – etwa bei jüngsten Waffenstillstandsverhandlungen, die scheiterten, noch bevor die Voraussetzungen für einen echten Dialog geschaffen waren – lassen sich keine Ergebnisse erzielen, ohne zuvor die entsprechenden Bedingungen entstehen zu lassen. Krieg, Völkermord oder Sanktionen können solche Bedingungen nicht hervorbringen. Manchmal ist nicht einmal klar, ob die Ziele der Gespräche überhaupt geteilt oder verstanden werden.

Doch diese Fragmentierung beschränkt sich nicht auf die Geopolitik. Sie zeigt sich ebenso in unserem Alltag und in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Unmittelbarkeit der Kommunikation hat unsere Fähigkeit zum Dialog in vielerlei Hinsicht geschwächt. Es ist allzu einfach geworden, zu reagieren, ohne sich Zeit zum Nachdenken, Nachforschen oder Verstehen zu nehmen. Videoanrufe, soziale Medien, E-Mails und Sofortnachrichten haben Briefe, öffentliche Versammlungen und sorgfältig recherchierte Berichterstattung weitgehend ersetzt.

Sprache ist nicht neutral. Die Art und Weise, wie wir sprechen, prägt, wie wir andere wahrnehmen, Ereignisse interpretieren und uns vorstellen, was möglich ist. In diesem Sinne ist Sprache selbst eine vordialogische Bedingung – eine, die wir tatsächlich beeinflussen können. Eine Gesellschaft, deren vorherrschende Sprache von Angst, Zynismus und permanentem Konflikt geprägt ist, wird dazu neigen, genau diese Bedingungen zu reproduzieren. Wenn Menschen jedoch beginnen, über Versöhnung, gemeinsame Zukunftsperspektiven und menschliche Einheit zu sprechen, werden neue Möglichkeiten vorstellbar. Bevor eine neue Realität gesellschaftlich aufgebaut werden kann, muss sie zunächst Worte finden.

Deshalb prägt Kohärenz – die Übereinstimmung dessen, was wir fühlen, denken und tun – nicht nur, wer wir sind, sondern auch, wie wir gehört werden. Sie ist es, die Sprache Glaubwürdigkeit und Kraft verleiht. Ein Großteil des heutigen tiefen Misstrauens entspringt dem Gegenteil: Menschen sagen das eine, denken etwas anderes und handeln völlig anders. Wir sprechen von Frieden und erzeugen Gewalt. Wir bekennen uns zu gemeinsamen Werten und leben deren Widerspruch. Wenn diese Kluft chronisch wird, verliert Sprache ihre Kraft – Worte schaffen nichts mehr, weil ihnen niemand glaubt.

Kohärenz ist daher grundlegend für den Dialog. Sie kann nicht vorgetäuscht oder verkündet werden. Sie muss gelebt werden: in der Art und Weise, wie wir mit unseren Nachbarn, Familien und Kollegen sprechen, und darin, ob „Ich habe keine Zeit“ eine echte Einschränkung oder einfach nur Ausdruck von Desinteresse ist. Diese kleinen Unaufrichtigkeiten summieren sich. Sie bilden die Mikrobedingungen, die darüber entscheiden, ob eine echte Begegnung möglich wird oder nicht.

Dies definiert neu, was verantwortungsvolles Handeln heute bedeutet. Viele Menschen, denen die Krisen der Welt am Herzen liegen und die zugleich von alten Denkweisen geprägt sind, fordern uns weiterhin dazu auf, Partei zu ergreifen und uns einem Lager gegen ein anderes anzuschließen. Doch oft ist dies weniger eine strategische Entscheidung als vielmehr ein Mangel an Vorstellungskraft: Wenn Menschen sich keine Welt jenseits bestehender Fraktionen vorstellen können, erscheint die Stärkung dieser Fraktionen als einzig möglicher Schritt.

Der Glaube daran, dass Fragmentierung überwunden werden kann, dass tatsächlich Brücken gebaut und ein echter Dialog geführt werden können, ist kein naiver Optimismus. Er ist eine Voraussetzung dafür, anders handeln zu können. Ohne diesen Glauben reproduzieren selbst die engagiertesten Menschen genau jene Spaltungen, die sie eigentlich überwinden wollten. Die dringlichere Aufgabe besteht daher darin, diesen Glauben wiederzugewinnen und aufrechtzuerhalten – und auf dieser Grundlage die Bedingungen zu schaffen, unter denen echter Dialog und letztlich Versöhnung möglich werden.

Alles beginnt damit, dass Menschen wieder daran glauben, dass eine andere Welt möglich ist, und die Absichten, Annahmen und Weltanschauungen, die sie in jede Begegnung mitbringen, ehrlich hinterfragen. Das ist die Arbeit vor dem Dialog. Ohne sie kann der Dialog keine Wurzeln schlagen. Und ohne Dialog gibt es keinen Weg zur Versöhnung – oder zu einer Zivilisation, die es verdient, menschlich genannt zu werden.

Unsere Verantwortung besteht daher darin, an diesem Aufbau mitzuwirken, statt darauf zu warten, dass die Voraussetzungen von selbst entstehen. Wir müssen zu Menschen werden, die dazu beitragen, diese Voraussetzungen zu schaffen.

 

David Andersson ist Schriftsteller und Humanist und lebt in New York City. Er beschäftigt sich vor allem mit Fragen der globalen Gerechtigkeit, des kollektiven Bewusstseins und der gewaltfreien Transformation. Er ist Englisch-Redakteur bei der internationalen Presseagentur Pressenza und Autor des Buches „The White-West: A Look in the Mirror“, einer Sammlung von Kommentaren, die sich mit der Dynamik der westlichen Identität und ihren globalen Auswirkungen befassen. CounterPunch, denikreferendum.cz, Mobilized News, Countercurrents, LA Progressive und Dissident Voice haben seine jüngsten Arbeiten veröffentlicht. Viele seiner Artikel wurden in mehr als fünf Sprachen übersetzt.

Dennis Redmond ist ein langjähriger Verfechter der Gewaltfreiheit. Er ist derzeit Koordinator der „Community for Human Development“ in den Vereinigten Staaten sowie Mitbegründer des „Hudson Valley Park of Study and Reflection“. In dieser Funktion spielte er eine zentrale Rolle bei der Organisation und Förderung von Initiativen, die Gewaltfreiheit, soziale Gerechtigkeit und ethisches Engagement in Gemeinschaften stärken, insbesondere bei Veranstaltungen wie dem „New York City Walk for Nonviolence“.“

 

* Silo ist ein argentinischer Autor und Anführer der Humanistischen Bewegung (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mario_Rodr%C3%ADguez_Cobos)

 

 

Vortext / Kommentar: Christph Maisenbacher – 25. Mai 2026
Quelle (vollständig zitierter Text): Pressenza / David Anderson & Dennis Redmond – Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.
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