Gras garantiert Artenvielfalt – nicht nur an seiner Außenseite, sondern auch im Innern der Grashalme – Foto: Goran Horvat - Pixabay
Die Anzahl der Insekten-Arten (Pflanzenfresser und parasitische Wespen) in Abhängigkeit von der Länge der Grashalme. Die weißen Quadrate markieren die durchschnittliche Halmlänge und die gesamte Artenvielfalt der zehn mehrjährigen Gras-Arten, die auch in den Zeichnungen dargestellt sind. Die schwarzen Quadrate geben die Werte für die fünf einjährigen Gras-Arten an.
Foto: © Prof.Teja Tscharntke, T. et al.,
Der Biobauernhof Familie Kleinhens zeigt, wie moderne Nachhaltigkeit mit bewährter Technik gelingt: Das Doppelbalkenmähwerk schützt Insekten und Kleintiere, spart Treibstoff und liefert sauberes Mähgut – ideal für artenreiche Grünlandbewirtschaftung. - Video / Youtube: © Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

NATUREREIGNISBEGLEITER

NaturEREIGNISbegleiter – Text 17 – Artenvielfalt im Dauerstress durch das Mähen von Grashalmen – denn IN den Grashalmen gibt es bis zu 250 Insektenarten

Insektenvielfalt an bzw. auf den Grashalmen

Bei der Ausbildung zum Naturerlebnisbegleiter steht immer und immer wieder das Problem bei Insekten im Raum: Wie können diese auf Feldern oder in Gärten überleben, wenn die Eiablage direkt auf bzw. an den Gräsern stattfindet?

Ganz besonders interessiert uns das in Zusammenhang mit dem Tag der Artenvielfalt vom 3. März, der immer noch nachklingt. Vor allem, wenn wir uns die Pressemeldung der Georg-August-Universität Göttingen anschauen, die schon in der Überschrift richtungsweisend ist: „Verborgene Insektenvielfalt in Grashalmen durch Mähen bedroht“.

Bei der Vorbereitung sind wir auf den oben in der Fotofolge mit aufgenommenen YouTube-Film des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH) gestoßen, der die Insektenvielfalt in einem ersten Schritt zu schonen weiß.
vgl. oben oder https://youtu.be/KyZB94SmsRs?si=TfZ47ZhJWX2lM0-z

Und bevor wir weiter unten die wissenschaftliche Auswertung von Insektenarten im Verhältnis auch zum Alter der Grashalme näher betrachten lassen, hier ein Filmzitat des Betriebsleiters des Biohofs Kleinhens aus Sinntal-Weichersbach – quasi als Annäherung an die Möglichkeit, die Artenvielfalt auch bei landwirtschaftlicher Nutzung zu erhöhen. Dieser erklärt, dass das extrem hohe Abmähen eigentlich nur Vorteile hat:

„Wir haben uns dafür entschieden, mit dem Doppelmesser-Mähwerk zu mähen. Aus folgendem Grund: Das Mähgut ist extrem sauber. Man hat, wenn die Spurverhältnisse zum Mähwerk passen, überhaupt keine Überfahrung. Man hat vor allem ein wunderschönes Bild, wenn die Schmetterlinge nach dem Mähen noch fliegen, die Wespen, die Bienen, die Hummel, alles kommt unbeschädigt davon.
Selbst wenn Sie das Mähgut zur Seite machen, sehen sie darunter noch die Frösche, die Amphibien – was sonst? Blindschleichen, alles, was bei herkömmlicher Mahd, ich will nicht sagen vollständig, aber größtenteils nicht mehr zu sehen ist, weil es einfach zerstört wird.
Und das ist in Zeiten des Klimawandels und der Artenvielfalt nicht mehr dienlich. Hier sehen wir die Ablage vom Mähgut. Da haben wir zum Beispiel den Rotklee, die Margarite, die Glockenblume oder die Grashalme.
Die sind alle unbeschädigt.
Das heißt, das ist genau das, was ein vernünftiger Landwirt im Heuballen haben möchte und später in der Futterkrippe und nicht auf der Wiese.
Wir mähen ja extrem hoch. Wir haben dadurch keine Verschmutzungen. Das dankt einem dann das Vieh, es dankt einem die Silage und vor allem auch das Heu.
Der Aufwuchs in einer höher geschnittenen Wiese ist wesentlich schneller, als wenn man sie ganz kurz schert.
Vor allem, wenn jetzt eine Schönwetter- oder eine Heißwetterphase kommt, dann verbrennen die kurz geschnittenen Wiesen schon unten an der Grasnarbe.“

 

Insektenvielfalt IN den Grashalmen

Und da landwirtschaftliche Flächen, Brachflächen (die genauso eine Wichtigkeit haben) und Hänge mit Weinreben miteinander wechseln und vor allem bzw. glücklicherweise in den Randbereichen oder auch Übergängen wilde Grasbereiche zu verzeichnen sind, ist folgende Pressemeldung der Georg-August-Universität Göttingen eine für Haus, Hof und Garten bzw. Landwirtschaft und Artenvielfalt sehr aufschlussreiche Information: Denn es gibt sie nicht nur auf oder um Grashalme – die Insektenvielfalt; es gibt sie, unsichtbar, aber dennoch vorhanden, IN den Grashalmen!

 

Verborgene Insekten-Vielfalt in Grashalmen durch Mähen bedroht

Agrarökologen ermitteln von Grünland-Management vernachlässigte 255 Arten in Gräsern

Wenn es um Biodiversität geht, blicken Forschung und Öffentlichkeit eher auf großräumige Muster. Eine versteckte Vielfalt bleibt dabei außer Acht: kleine, unscheinbare Wespen, Gallmücken, Fliegen, Käfer und andere Insekten, die in Pflanzen leben. Dabei sind sie sehr verbreitet. Das zeigt eine Studie von Forschenden der Universität Göttingen und des ungarischen HUN-REN Centre for Ecological Research. Sie haben über 23.000 Grashalme vermessen, seziert und nach Insekten abgesucht.

In zehn mehrjährigen Gras-Arten fanden sie 255 Arten von Insekten, in fünf einjährigen Gras-Arten keine einzige. Je länger die Halme einer mehrjährigen Gras-Art sind, desto größer ist die Artenvielfalt der darin nachgewiesenen Insekten. Rund ein Drittel der Insekten-Arten ernährt sich direkt vom Gras. Die übrigen Arten, fast alles Wespen, leben parasitisch von den pflanzenfressenden Insekten. Nahezu zwei Drittel der Insekten ist spezialisiert auf Gräser, die Hälfte davon auf einzelne Gras-Arten. Teile des Grünlands sollten mehrere Jahre ungemäht bleiben, so das Fazit. Stabile Insekten-Populationen brauchen ungestörte Refugien mit intakten Grashalmen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Basic and Applied Ecology veröffentlicht.

Das Team untersuchte allgegenwärtige Gräser, die in vielen Regionen in größeren Beständen vorkommen. Dabei waren fünf einjährige Arten wie Ackerfuchsschwanz und Windhalm sowie zehn mehrjährige Arten wie Knäuelgras und Quecke. Die Forschenden entnahmen im Herbst und Winter alle Insekten aus den Halmen und ordneten sie ihrer jeweiligen Art zu. Larven zogen sie im Labor auf, um sie eindeutig bestimmen zu können. Anschließend analysierten sie die Nahrungsnetze zwischen den Gräsern, den pflanzenfressenden Insekten und den parasitischen Wespen als ihre Gegenspieler.

So offenbarte sich die Vielfalt der in Grashalmen versteckten Insekten. 83 der gefundenen Arten sind Pflanzenfresser wie Halmfliegen und Gallmücken. Die übrigen 172 Arten sind ihre natürlichen Feinde: Parasitoide wie Erz- und Zehrwespen, die andere Insekten befallen und letztlich töten. Im Durchschnitt kommen in jeder mehrjährigen Gras-Art 12 pflanzenfressende Insekten-Arten vor, die von 30 Arten parasitischer Wespen attackiert werden. Mehrjährige Gras-Arten mit längeren Halmen ziehen den Daten nach mehr Insekten an. Das wird damit erklärt, dass sie besser sichtbare und produktivere Wirtspflanzen mit vielfältigerem Nahrungsangebot sind. Das räumlich und zeitlich weniger vorhersehbare Vorkommen einjähriger Gräser ist offenbar die Ursache dafür, dass sich nur wenige Insekten darauf spezialisiert haben.

Regelmäßiges Mähen bedroht die Vielfalt dieser vielen, stark spezialisierten Insekten. „Der versteckte Reichtum an Insekten-Arten in Grashalmen wird von der Grünlandbewirtschaftung leider weitgehend ignoriert, obwohl die meisten Arten auf die ungestörte Entwicklung von Gräsern angewiesen sind“, sagt Erstautor Prof. Dr. Teja Tscharntke von der Universität Göttingen. Diese Lebensgemeinschaft hänge von der Überwinterung intakter Grashalme in wenig gestörten Lebensräumen ab. Es brauche daher ungemähte Langzeit-Refugien. „Die Grünlandbewirtschaftung sollte der vernachlässigten Gemeinschaft spezialisierter Grashalm-Insekten viel mehr Aufmerksamkeit schenken“, so Tscharntke weiter.

Originalveröffentlichung: Teja Tscharntke, Péter Batáry, Stefan Vidal. The hidden multitrophic diversity of specialized grass-shoot insects – neglected by grassland management. Basic and Applied Ecology (2026). DOI: 10.1016/j.baae.2026.01.004 (Open Access)“

 

… die Trierer Umschau wird sich weiteren NaturEREIGNISSEN ähnlicher Art in Folge immer wieder widmen…

 

Alle Texte zum Thema „NaturEREIGNISbegleiter / Lebendige Moselweinberge“ finden Sie unter:
https://www.trierer-umschau.de/netzwerk/naturereignisbegleiter/

 

Vortext / Kommentar: Christph Maisenbacher – 17. März 2026
Quelle (vollständig zitierter Text): Pressemitteilung der Georg-August-Universität Göttingen – Öfentlichkeitsarbet / Thomas Richter
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
Social-Media-Teaser: ChatGPT
Foto 1: Foto: Goran Horvat – Pixabay – Foto 2: © Prof.Teja Tscharntke, T. et al.,
Video / YouTube: © Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter: https://www.trierer-umschau.de/2026-03-17-bb/

Die Text-Folge „Lebendige Moselweinberge“ ist Dauno gewidmet:
vgl. https://www.trierer-umschau.de/2025-11-03-ba/