NEUJAHR 2026
Sind Sie schon im Neuen Jahr 2026 angekommen? Eine Annäherung am Neujahrstag
Schon angekommen? Da muss man nur auf sein Handy schauen, und es ist klar: Der 1.1.2026 steht unweigerlich im Raum. Doch bin ich persönlich angekommen?
Natürlich habe ich gefeiert, natürlich war ich bei Freunden oder habe mit meiner Familie, zu zweit, alleine oder gar nicht gefeiert. Und natürlich hat man sich mit Wünschen gegenseitig beglückt. Hat gesagt: Das neue Jahr wird besser! Und natürlich hat man sich vielleicht anstecken lassen von der Freude, dem Spaß, dem Fun all derer, die sich gefreut haben. Vielleicht hat man in den Himmel geschaut, vielleicht in das wichtigste Gesicht, das sein eigenes Leben begleitet. Oder man hat ganz alleine sich mit sich selbst unterhalten oder hat schon geschlafen. Am Ende haben alle, die gefeiert haben, ein Bett gefunden, ihre Ruhe.
Aber ist man deshalb schon im neuen Jahr angekommen?
Um Mitternacht habe ich die Hände meiner Frau genommen – wir standen uns gegenüber – und habe sie gebeten: Lass uns die Wünsche heute nicht laut sagen, lass sie uns in Gedanken wünschen. Lass uns schweigen, denn all die laut ausgesprochenen Wünsche der letzten Jahre sind nie in Erfüllung gegangen. Vielleicht haben wir so mehr Erfolg.
Für mich persönlich ist der erste Tag eines Jahres ein „Zwischentag“. Aus der Werbung kennen wir Worte wie „Framstag“. Der heutige Tag hat zwar nichts mit der Werbung zu tun, doch er ist so ein Noch-nicht-Tag in meinen Augen. Er gibt mir die Möglichkeit, meine Lebenspläne vor mir auszubreiten (ähnlich wie man dies kennt von großformatigen Architekturplänen). Er gibt mir die Möglichkeit zu überprüfen – bleiben wir bei der Architektur –, ob dieses Haus, das ich gerne bauen würde, überhaupt noch passt. Ob es meinen Anforderungen, denen meiner Umgebung oder denen meines Weges überhaupt noch adäquat ist. Niemand kann plötzlich sein Leben um 180 Grad verändern, aber leichte Korrekturen, Veränderungen sind möglich. Also sollte an so einem Tag wie heute auch die Selbstkritik an den Tisch gebeten werden. Es sollten verrückte, wahnsinnige, unvernünftige, aber genauso vernünftige, naheliegende und womöglich sogar notwendige Ideen auf den Tisch gelegt werden.
Der heutige Tag gibt mir die Möglichkeit, dieses Chaos zu ordnen: Ja oder Nein zu sagen. Eine To-do-Liste anzulegen, was die folgenden 364 Tage zeichnen soll. Was ich anpacken, realisieren will. Was ich mir aneignen will oder was ich endgültig in die Mülltonne werfen möchte.
Bei diesen Gedanken erinnere ich mich an meinen Freund Sven. Dieser hat zu seinem 60. Geburtstag zwei Briefe verschickt: an die Freunde, die er als „wahre Freunde“ bewahren, mit ihnen Gemeinsamkeit fortsetzen oder sie einfach wissen lassen möchte. Und er hat Briefe an all diejenigen verschickt, denen er seine Freundschaft aufkündigt.
Denn die sogenannte Mülltonne bewahrt uns davor, unnötige Last weiter mit uns zu tragen. Sie erleichtert den Weg. Mitunter fehlt uns dieser Mut, loszulassen. Doch damit wird unser Weg immer schwerer, krümmt unseren Rücken, und irgendwann können wir keine Flügel mehr anlegen, weil die Erdanziehungskraft uns unbeweglich macht.
Genau das ist es, was ich zum Abschluss dieses Tages mache: Flügel anlegen. Für einen Moment alles loslassen und fliegen. Ich weiß, dass auf heute ein Morgen folgt, unweigerlich. Doch heute – nachher – will ich fliegen.
Und genau, vielleicht ist der 1. Januar ein „Niemandstag“ oder „Nimmertag“ – wie das „Niemandsland“ oder „Nimmerland“ von Peter Pan, den ich aufsuchen will, genauso Tinkerbell. Vielleicht treffe ich auf Superman oder nach Sonnenuntergang auf Dracula oder sein temporäres Alter Ego, eine Fledermaus. Ja, ich fliege nachher – ohne Zweifel, ohne Einschränkungen, ohne irgendetwas zu denken.
Erst dann, wirklich erst dann darf der 2. Januar 2026 kommen …
Text: Christph Maisenbacher – 1. Januar 2026
Social-Media-Teaser: ChatGPT
Zeichnung: © Trierer Umschau / Christoph Maisenbacher
Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter: https://www.trierer-umschau.de/2026-01-01-ab/
