"Ein Gedicht" verbindet Weihnachten, die Ewigkeit und ein Gummiboot - Foto: Trierer Umschau

EIN GEDICHT

Weihnachtsmann, wo hast Du den Winter versteckt? – Ein Gedicht besiegelt den 24. Dezember 2025

Der 6. Weihnachts-Text anlässlich der Weihnachts-Feiertage ist ein Gedicht. Wie Sie an der Illustration sehen, möchte ich hier wenig ablenken, sondern zu den Worten und damit zu den Fragen führen, die ich als gestalterisches Mittel bei meinen Gedichten einsetze.

Mit diesen Fragen durchstreife, sehe, greife ich geradezu nach all dem was an Gedanken, an Ideen, an Tatsachen, an Möglichkeiten, an Auffälligkeiten, an Ängsten, an Veränderungen, an Freude, an Einfachen wie Komplexen mich umgibt. Eine Frage – ohne Antwort – ist wie ein Klang, der lange im Raum hörbar bleibt. Fragen sind meine Wort-Bilder, die als Gedicht hörbar und sichtbar werden.

Von meiner Seite habe ich ChatGPT um eine Interpretation des Gedichts gebeten. Diese Interpretation folgt im Anschluss an das Gedicht:

 

ein weihnachts-gedicht

weihnachtsmann, wo hast du
den winter versteckt
wem schenkst du noch
einen schlitten
wünscht sich jemand
einen thermometer
für die minusgrade
weißt du
wie man schneeketten
montiert
und welchem fluss
erlaubst du
eingefroren zu werden
wenn das ewige eis schmilzt
sage mir
wann hört die ewigkeit auf
ewig zu sein
und dann
was passiert danach
gibt es eine türe
gibt es eine brücke
und
wie lange schwimmt
ein gummiboot

 

Interpretation (*)

„weihnachtsmann, wo hast du / den winter versteckt“
Das Gedicht beginnt mit einer kindlich-naiven, zugleich hochpolitischen Frage. Der Weihnachtsmann steht hier nicht nur für eine Figur des Brauchtums, sondern für eine Instanz, der Ordnung, Verlässlichkeit und Zyklen zugeschrieben werden. Der „versteckte Winter“ verweist auf den Verlust jahreszeitlicher Gewissheiten und deutet auf Klimawandel und Entfremdung von der Natur hin. Die Frage ist weniger Anklage als tastende Verunsicherung.

„wem schenkst du noch / einen schlitten“
Der Schlitten, klassisches Symbol des Winters, wird zum Prüfstein für Sinnhaftigkeit von Tradition. Die Frage impliziert, dass es kaum noch Bedingungen gibt, unter denen dieses Geschenk brauchbar wäre. Damit wird Schenken selbst fragwürdig: Was bedeutet Gabe, wenn ihre Grundlage verschwindet? Der Satz öffnet eine Leerstelle zwischen Ritual und Realität.

„wünscht sich jemand / einen thermometer / für die minusgrade“
Hier kippt die kindliche Perspektive in leise Ironie. Der Thermometer ist kein Spielzeug, sondern ein Messinstrument – er steht für Kontrolle, Beobachtung und das Bedürfnis nach Beweis. Dass „Minusgrade“ erklärungsbedürftig werden, zeigt eine Welt, in der Kälte zur Ausnahme geworden ist. Die Frage markiert den Übergang von Märchen zu Wissenschaft.

„weißt du / wie man schneeketten / montiert“
Der Weihnachtsmann wird mit praktischer, fast banaler Kompetenz konfrontiert. Schneeketten stehen für Vorsorge, Anpassung und Überleben im Ausnahmezustand. Die mythische Figur gerät in eine reale, technische Welt, in der Magie nicht mehr ausreicht. Das Gedicht fragt, ob alte Sinnbilder den neuen Anforderungen noch gewachsen sind.

„und welchem fluss / erlaubst du / eingefroren zu werden“
Hier wird Macht thematisiert: Wer darf was, und wer entscheidet darüber? Das „Erlauben“ des Zufrierens macht Natur zu etwas Verwaltetem, Reglementiertem. Gleichzeitig schwingt Trauer mit über den Verlust natürlicher Prozesse, die einst selbstverständlich waren. Der Fluss wird zum Symbol für Zeit und Bewegung, die zum Stillstand kommen.

„wenn das ewige eis schmilzt“
Diese kurze Zeile wirkt wie ein Einschnitt. Das „ewige Eis“ steht für Beständigkeit, für etwas Unantastbares – sein Schmelzen ist ein Bruch mit der Idee von Dauer. Der Satz ist nüchtern formuliert, gerade darin liegt seine Wucht. Er markiert den Punkt, an dem ökologische Krise existenziell wird.

„sage mir / wann hört die ewigkeit auf / ewig zu sein“
Nun wechselt das Gedicht von der Umwelt- zur metaphysischen Ebene. Die Wiederholung von „ewig“ entlarvt den Begriff als fragil und fragwürdig. Ewigkeit erscheint nicht mehr als tröstliche Konstante, sondern als etwas Zeitgebundenes. Die Frage ist philosophisch, fast verzweifelt, und richtet sich an eine höhere Instanz.

„und dann / was passiert danach“
Diese Zeilen öffnen einen Raum radikaler Ungewissheit. Das „danach“ bleibt undefiniert – es kann ökologische, gesellschaftliche oder metaphysische Umbrüche meinen. Die kindliche Einfachheit der Frage kontrastiert mit ihrer Tiefe. Hier spricht ein Staunen vor dem Unvorstellbaren.

„gibt es eine türe / gibt es eine brücke“
Tür und Brücke sind klassische Übergangssymbole. Sie stehen für Hoffnung, Verbindung und die Möglichkeit, von einem Zustand in einen anderen zu gelangen. Das Gedicht fragt nicht nach Antworten, sondern nach der bloßen Existenz solcher Übergänge. Offen bleibt, ob sie real, spirituell oder imaginär sind.

„und / wie lange schwimmt / ein gummiboot“
Das Schlussbild ist leise, fast absurd, und gerade deshalb eindringlich. Das Gummiboot wirkt provisorisch, verletzlich, notdürftig – ein Symbol menschlicher Improvisation angesichts großer Gefahren. Die Frage nach der Dauer seines Schwimmens ist eine Frage nach der Tragfähigkeit unserer Lösungen. Sie endet offen, ohne Trost, aber auch ohne Pathos.

Gesamtdeutung

Das Gedicht verbindet weihnachtliche Bildwelt mit ökologischer und existenzieller Verunsicherung. In der Figur des Weihnachtsmanns bündeln sich Erwartungen an Sinn, Ordnung und Verlässlichkeit, die jedoch zunehmend brüchig werden. Der Text bewegt sich von konkreten Bildern des schwindenden Winters hin zu grundlegenden Fragen nach Ewigkeit, Übergang und Überleben. In seiner ruhigen, fragenden Sprache entfaltet das Gedicht eine stille Dringlichkeit: Es zeigt eine Welt, in der alte Gewissheiten schmelzen und der Mensch mit provisorischen Mitteln versucht, sich über Wasser zu halten.

 

Vortext / Kommentar: Christph Maisenbacher – 24. Dezember 2025
Quelle (Gedicht): Christoph Maisenbacher
(*) Interpretation: ChatGPT
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
Foto: Trierer Umschau

Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter: https://www.trierer-umschau.de/2025-12-25-fb/