Es bräuchte etwa 45 bis 70 Bäume, um den CO₂-Fußabdruck eines Panzers, der vier Stundenin Betrieb ist, in einem Jahr auszugleichen. (*) - Foto: Dmitry-Bukhantsov - Unsplash

KLIMA & KRIEG

Mit dem Krieg am Verhandlungstisch zieht der Klimaschutz den Schwanz ein. Guido Viale durchbricht das Schweigen der 50.000 auf der Weltklimakonferenz

Deutschland hat 2024 für Rüstung 88,5 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Für den Zeitraum 2024 bis 2027 scheinen für den Umweltschutz 211,8 Milliarden bereitgestellt zu sein. Das wären 70,6 Milliarden für ein Jahr (vgl. dazu https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/ktf-sondervermoegen-2207614 ). Wobei unter Klimaschutz ein ganzes Potpourri an Ausgaben fällt, das – so hoffen wir – am Ende lautet: Emissionsreduktion.

Wer dennoch die Waage Kriegsrüstung zu Umweltschutz betrachtet, so scheint hier eine sich ausschließende Balance zu herrschen. Denn Waffenproduktion, Waffentests, die Übung mit Waffen und vor allem ihr Einsatz sind in Sachen Umweltschutz der beste Weg, um den Klimawandel in die falsche Richtung voranzutreiben.

Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen

Im Schwarz-Weiß-Sehen versucht die Trierer Umschau mitunter Graustufen zu beleuchten. Wenn „früher“ man in den Raum stellte, dass militärische Forschung und Entwicklung auch im privaten Bereich Fortschritt bedeuten, dann könnte (ja könnte) eine Zukunft, die erkennt, wie abhängig die militärische Kriegsführung und/oder Verteidigung von fossilen Brennstoffen ist, auch hier einen Bumerang-Effekt in Sachen Klimaschutz haben. Im Raum steht der Sachverhalt zumindest.

In einem sehr interessanten und ausführlichen Text haben wir von Ole Adolphsen mit der Überschrift „Militärische Emissionen: Blinder Fleck der Klimapolitik?“ (vgl. https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2025/heft/9/beitrag/militaerische-emissionen-blinder-fleck-der-klimapolitik.html ) folgende Passage entdeckt:

„Operationell wird in der Umstellung auf erneuerbare Energien und der Elektrifizierung militärischer Systeme eine Möglichkeit gesehen, eine schlankere Logistik und einen höheren Grad an Autarkie in der Energieversorgung zu erreichen […] Ein wiederkehrendes Motiv ist die Erfahrung westlicher Streitkräfte aus den Einsätzen im Irak und in Afghanistan, wo der enorm hohe Bedarf an fossilen Brennstoffen zu hoher Verwundbarkeit führte. Anschläge auf Versorgungskonvois verursachten mehr als 3.000 Todesfälle bei den US-Streitkräften, die Kosten für Kraftstoff in Außenposten beliefen sich auf bis zu 263 US-$ pro Liter […]“

Und damit sind wir bei dem Text von Guido Viale, der über unsere gern wahrgenommene internationale Presseagentur Pressenza vorgestellt wurde. Diese packt noch einmal das Thema Weltwirtschaftskonferenz an – und zwar das dort so gut versteckte Thema „Krieg“. Da 50.000 Vertreter der 198 Vertragsstaaten, die in Belém (Brasilien) zur Weltklimakonferenz anwesend waren, geschwiegen haben, stellen wir das Thema ganz bewusst mit etwas Abstand in den Raum. Denn im Duell Krieg gegen Klimaschutz siegt der Krieg. Allerdings – unsere Leser kennen unsere Meinung dazu – wird sich der Klimawandel nicht mit Waffengewalt stoppen lassen:

 

COP30 in Belém: Warum über Krieg geschwiegen [wurde]
von Guido Viale

[Es stand ein Elefant im Raum bei der UN Klimakonferenz COP30 in Belém.
Dieser Elefant berührt ein Thema, das nicht auf den Tagesordnungspunkten der Konferenz stand, aber sicherlich deren Ergebnisse beeinflusst hat. Ergebnisse, die ganz in der Tradition der vorangegangenen Klimakonferenzen überaus spärlich ausgefallen sind. 
Dieser Elefant, der im Porzellanladen der UN stand – Sie kennen diese Redewendung – ist der Krieg.] (**)

„Alle wissen, dass Krieg und der Kampf für das Klima unvereinbar sind, aber keiner traut sich, darüber zu sprechen. Niemand hat das Thema für die Tagesordnung vorgeschlagen. Warum nicht? Viele glauben nicht, dass die Krise des Klimas und der Umwelt eine reale Bedrohung ist. Andere halten es für dermaßen kompliziert, die Zusammenhänge anzusprechen, dass der Versuch nur scheitern kann. Wieder andere – die Mehrheit der Anwesenden, die auf einen erfolgreichen Abschluss der Konferenz hofft und kein Ergebnis gefährden möchte, wie es die über 5.000 Lobbyisten der fossilen Industrie bewusst tun – fürchten, dass selbst das Wenige, was sich erreichen ließe, aufs Spiel gesetzt würde, brächte man das Thema Krieg zur Sprache.

Dabei muss man darüber sprechen. Aus vielerlei Gründen, manch banalen, manch weniger banalen. Zuallererst verschlingen Kriege unglaubliche Mengen finanzieller, technologischer und menschlicher Ressourcen, selbst wenn sie nicht geführt werden. Diese Ressourcen könnten und müssten für den Kampf für das Klima und die Rettung der Umwelt eingesetzt werden. Und auch für die Gleichheit, die die Grundlage für beides ist. Wir haben es beim europäischen Green Deal gesehen: Vom (fehlgeleiteten) Plan, „Entwicklung“ und Profite in Richtung Umweltschutz zu lenken, bis zum mittlerweile von allen Regierungen getragenen Ziel, die Waffenproduktion zum Motor der Kapitalvermehrung zu machen. Nichts von alledem wird je zurückgenommen werden, Krieg hin oder her.

Außerdem sind die laufenden Kriege wichtige Faktoren beim Comeback der Fossilen. Erdrückt von den selbst auferlegten Sanktionen suchen die Länder der europäischen Union eilig nach weiteren Ressourcen, mit denen sich die russischen Gas- und Öllieferungen ersetzen lassen – und verabschieden sich dabei vom Übergang zu den erneuerbaren Energien. Wegen des Transports von Menschen und Material, der Produktion und Instandhaltung immer neuer Waffensysteme erhöht sich der Verbrauch von Brennstoffen und die damit verbundenen Emissionen. Dazu ist jede Explosion ein Feuer, das Sauerstoff verbrennt und CO2 erzeugt. Und der Krieg zerstört nicht nur menschliches Leben, sondern auch Gebäude und Güter, bis alles dem Boden gleich gemacht ist, wie in Gaza, aber auch wie im Donbass: Alles muss ersetzt und wieder aufgebaut werden, wobei weitere Ressourcen verbraucht und Emissionen erzeugt werden. Böden, Wasser und die Tier- und Pflanzenwelt werden zerstört, inklusive der Kulturlandschaft mit ihren Tierbeständen, die für Jahre oder für immer fruchtlos bleiben. Ehemalige CO2-Senken werden zu CO2-Quellen.

Kriege sind Inkubatoren von Gewalttechnologien, die sich gegen das menschliche Leben, gegen Ortschaften, Güter und Infrastrukturen richten, aber auch (dual use) gegen die Umwelt und Natur eingesetzt werden können. So entstanden unter anderem Insektizide und die Flugzeuge, die sie versprühen, sowie Raketen, die für Regen sorgen oder Hagel verhindern. Künftig wird Geo-Engineering eingesetzt werden, um die Klimaerwärmung einzudämmen; es werden „harte“ Technologien mit irreversiblen Folgen entwickelt werden. Diese werden entworfen und betrieben von irgendeinem selbst ernannten Militärstab im Kampf für das Klima, der sowohl staatlicher als auch privater Natur sein kann. Aus dem Markt gedrängt werden die „freundlichen“ Technologien, die der Erde nützen – von der Versorgung bis zum Transportwesen, vom Wohnen zur Renaturierung der Landschaft, von der gemeinsamen Pflege von Mensch und Natur (One Health) bis zur Rettung der Biodiversität – allesamt Dinge, die nur durch eine Neuorganisation des täglichen Lebens unter Einbeziehung aller möglich sind.

Kriege produzieren Flüchtlinge, Millionen von Migranten. Sie tun das sowohl direkt als auch indirekt durch die Umweltzerstörung und die Klimakrise, die sie verstärken. Der Kampf für die Rettung des Klimas und der Umwelt setzt sich dagegen dafür ein, dass Betroffene bleiben und sich auf neuer Grundlage ein lebenswertes Umfeld schaffen können.

Kriege führen zur Militarisierung nicht nur der Institutionen, sondern auch des täglichen Lebens und von allem, was es beinhaltet. Langsam oder auch sehr schnell dringt sie in alle Bereiche ein: Information, Kultur, Forschung, Schulen, Arbeit, Produktion, Mentalität und, natürlich, die öffentliche Ordnung – Orte der Freiheit. All jene, denen die rein militärische Antwort der NATO, der Europäischen Union oder der ukrainischen Regierung auf den Ausbruch des Kriegs in der Ukraine gefallen hat, machten sich nicht bewusst (und tun es vielleicht immer noch nicht), wie sehr ihr Enthusiasmus den Zeitgeist beeinflusst hat: Die Sprache der Medien, die Selbstzensur, das Ressentiment, die Priorität der Waffen über alles andere, den Verlust eines gemeinsamen Horizontes, den Zynismus dem Tod gegenüber, zivil oder im Kampf, von Freunden oder Feinden, und die offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal unseres Planeten.

Kriege befördern den Kasernengeist von Untertänigkeit und Unterordnung, während der Kampf für die Umwelt und für das Klima Autonomie, Erfindungsgeist, Teamgeist und Initiative von unten hervorbringt – das, was es braucht, um die schwierige Zukunft anzugehen, die uns erwartet.

Zu guter Letzt bringen Kriege Korruption hervor und verschleiern sie auch: Sie ermöglichen die Anhäufung von Macht und Reichtum auf Kosten derer, die zum Sterben an die Front geschickt werden oder zum Krepieren im Etappengebiet verdammt sind. Kosten, Preise und Bestimmung der Waffen sind Staatsgeheimnisse, die nicht kontrolliert werden können (am Ende verschwinden sie, werden zerstört). Ebenso wenig wie die Zahl der Opfer und der Schäden: Diejenigen, die sie verwalten und davon profitieren, sind seit jeher im Hintergrund – sterben müssen andere.

Ganz im Gegensatz dazu steht der Einsatz für die Umwelt: In den ersten Reihen, die diesen Einsatz organisieren und anführen, stehen die „Verteidiger der Umwelt“ – eine mittlerweile unendliche Zahl von Opfern des Krieges, den Regierungen und multinationale Konzerne, die mit Umweltzerstörung spekulieren, gegen Mutter Erde führen.

Die Lektüre der Enzyklika Laudato sì [vgl. https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html ]täte allen nach Belém Geladenen gut. Den anwesenden indigenen Völkern braucht man sie nicht zu empfehlen. Sie kennen sie bereits. Von ihnen ist sie inspiriert. “

 

(**) Im Original lautete diese Passage, die wir drei Tage nach der Weltklimakonferenz etwas modifiziert haben – auch um den Bezug auf die Redewendung „Wie ein Elefant in einem Kristallwarengeschäft“ (in Italien ist es kein Porzellanladen, wie im Deutschen) fortzusetzen:
„Es steht ein Elefant im Raum bei der laufenden UN Klimakonferenz COP30 in Belém: Ein Thema, das zwar nicht auf der Tagesordnung der Konferenz steht, das aber deren Ergebnisse beeinträchtigen könnte. Und die werden ohnehin spärlich ausfallen, geht man von den 29 vorangegangenen Klimakonferenzen aus. Dieser Elefant ist der Krieg.“

(*) errechnet nach den Informationen aus:
https://exxpress.at/politik/krieg-ist-nicht-klimafreundlich-so-gross-ist-der-co2-abdruck-eines-panzers/ und https://www-tariff-com.translate.goog/news-and-insights/how-many-trees-would-offset-my-business/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq

 

Vortext / Kommentar: Christph Maisenbacher – 29. November 2025
Quelle (vollständig zitierter Text): Internatonal Press Agency Pressenza / Guido Vidale – Übersetzung aus dem Italienischen von Alexandra Twardy vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam.
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
Social-Media-Teaser: ChatGPT
Foto: Dmitry-Bukhantsov – Unsplash

Dieser Text in LEICHTER SPRACHE ist veröffentlicht unter: https://www.trierer-umschau.de/2025-11-29-db/