Welche Funktion hat die Religion? 21 Prozent der Deutschen sind Protestanten – 24 Prozent Katholiken. Hören Sie auf die Worte Ihrer Kirchen? - Foto: © EKD

KIRCHE & ATOMWAFFEN

Das NJEIN zu Atomwaffen und militärischer Verteidigung schafft einen Spalt zwischen der aktualisierten Friedensdenkschrift der Evankelischen Kirche in Deutschland und der päpstlichen Idee

Was hatte ich am 10. November 2025 um 13.30 Uhr beim Hören der Deutschlandfunk-Nachrichten gehört: „Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine erneuerte Position zur Friedensethik vorgestellt. In der Denkschrift mit dem Titel ‚Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick‘ formuliert sie ihre Haltung zu den aktuellen Diskussionen um Aufrüstung, Wehrdienst und hybride Kriegsführung. „In dem in Dresden vorgestellten Papier heißt es zum Beispiel: In Verteidigung müsse investiert werden, weil sie dem Schutz von Menschen diene. Gleichzeitig wird Augenmaß beim Ausbau militärischer Kapazitäten gefordert.“
(vgl. https://www.deutschlandfunk.de/nachrichten-20796.html )

Angesichts dieses Betrachtens der Welt frage ich mich: Wo bleibt die Vision, die man immer und immer wieder in der Lutherbibel unter Micha 4,1 lesen kann:

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
(https://www.bibleserver.com/LUT/Micha4 )

Und ich zitiere gerne einen Satz unter Punkt 197 der im Jahr 2007 publizierten Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland:
„Daher dürfen Sicherheitsvorkehrungen im Interesse eines Landes – insbesondere militärische – nicht an die Stelle kooperativer Bemühungen um Frieden treten.“

Gerade dem Militärischen wird in der aktuellen Denkschrift ein moralisch begründetes Schlupfloch – ganz nach dem Motto „Nur mit Waffen wird Frieden geschaffen“ – gewährt. Dazu fehlt mir eine klare Position, welche die katholische Kirche gerade in Bezug auf Atomwaffen weitaus vehementer auf ihre Fahne schreibt.

So lese ich auf den Seiten 15/16 in der aktuellen Denkschrift (https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-91393.htm) :
„Der Besitz und die Drohung mit dem Einsatz von Atom¬waffen widersprechen dem Geist des Gerechten Friedens. Ethisch ist die Ächtung von Atomwaffen aufgrund ihres ver¬heerenden Potenzials geboten. Der Besitz von Nuklearwaffen kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser Waffen trotzdem politisch notwendig sein, weil der Verzicht eine schwerwiegende Bedrohungslage für einzelne Staaten bedeuten könnte. Dies führt in ein Dilemma: Egal welche Op-tion gewählt wird, die Verantwortlichen machen sich schuldig. Dieses Dilemma kann im Moment nicht aufgelöst werden. Die Denkschrift erkennt das Dilemma an. Sie spricht sich trotzdem dafür aus, innerhalb der NATO Initiativen zu entwickeln, wie Sicherheit dauerhaft ohne Nuklearwaffen gedacht und organisiert werden kann.

Glücklicheweise steht unter Punkt 149 zu lesen: „Die Teilhabe an nuklearer Abschreckung darf keinesfalls als Normalität hingenommen werden. Sie ist stets von glaubwürdigen Initiativen zu Rüstungskontrolle, Gewaltminimierung und vertrauensbildender Diplomatie zu begleiten.“

Dass da zu wenig Stellung bezogen wird – im Gegensatz zur katholischen Kirche – ruft das Aktionsbündnis „atomwaffenfrei.jetzt“ auf den Plan.

Den Wortlaut von Papst Franziskus vom 24. November 2019 im japanischen Nagasaki über das klare Nein der katholischen Kirche zu Atomwaffen finden Sie vollständig hier:
https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-11/japan-wortlaut-papst-franziskus-botschaft-atomwaffen-nagasaki.html

Und auch der aktuelle Papst Leo XIV fand auf der Schlussveranstaltung „Den Frieden wagen“ im Colosseum von Rom vor insgesamt 30 unteschiedlichsten Religionsführern aus der ganzen Welt klare Worte:

„Die Welt dürstet nach Frieden: Sie benötigt eine echte und gefestigte Epoche der Versöhnung, die dem Machtmissbrauch, der Zurschaustellung von Stärke und der Gleichgültigkeit hinsichtlich des Rechts ein Ende setzt. Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen! […]
Wir können nicht akzeptieren, dass diese Epoche weiter andauert, dass sie die Denkweise der Völker prägt, dass wir uns an den Krieg als normalen Begleiter der Menschheitsgeschichte gewöhnen. Es ist genug!“
(zitiert aus: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-10/papst-leo-xiv-frieden-gebet-interreligioeser-dialog-oekumene.html )

Und so lautet die vollständige Pressemitteilung des Aktionsbündnisses „atomwaffenfrei.jetzt“:

 

Friedensgruppen entsetzt über „nukleare Zeitenwende“ in der EKD

Das Aktionsbündnis „atomwaffenfrei.jetzt“ kritisiert die neue EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Frieden im Blick“ als Kapitulation der christlichen Friedensethik vor der staatlichen Aufrüstungsraison. Das Bündnis von über 70 Friedensorganisationen, dem auch viele kirchliche Gruppen angehören, sieht in dem Papier eine „nukleare Zeitenwende“ und bedauert den Rückfall der EKD in längst überholt geglaubte Positionen für die Rechtfertigung nuklearer Abschreckung. Dass nun öffentlich der Eindruck entsteht, der Besitz von Atomwaffen sei friedensethisch vertretbar, hält das Aktionsbündnis für verheerend und gefährlich.

„Die seit Jahrzehnten zugestandene Gewährung einer Noch-Frist für eine Akzeptanz von Atomwaffen durch die Kirchen ist längst abgelaufen. Das hat Papst Franziskus bereits 2019 in seiner Rede in Hiroshima festgestellt, als er den Besitz von Atomwaffen als unmoralisch geißelte“ betont Martin Singe, Sprecher des Aktionsbündnisses. Die Atomwaffenstaaten seien ihrer Verpflichtung zu nuklearer Abrüstung aus dem Nichtverbreitungsvertrag nicht einmal ansatzweise nachgekommen und hätten somit die ethische Duldungsfrist verwirkt. „Wir erwarten daher von der evangelischen Kirche keine Legitimation dieser Politik, sondern einen klaren, friedensethisch begründeten Ruf nach sichtbaren Schritten zu einer Welt ohne Atomwaffen.“

„Auch kirchliche Basisgruppen kämpfen seit Jahren in Büchel für den Abzug der hier gelagerten US-Atombomben. Die EKD fällt deren Engagement mit der neuen Denkschrift in den Rücken“, konstatiert Hildegard Slabik-Münter von der Friedensgruppe Daun in der Eifel. Der Atomwaffenstandort Büchel wird gerade mit über zwei Milliarden Euro für die neuen F-35-Atombomber der Bundeswehr und für zielgenauere US-Atombomben umgebaut. Das Aktionsbündnis hofft, dass die evangelische Kirchenbasis der Kirchenleitung klaren Widerspruch entgegensetzt, wie es der Friedensbeauftragte der EKD, Friedrich Kramer, bereits getan hat: „Ich bin der Meinung, wir sollten bei einem klaren Nein ohne jedes Ja bleiben“, hatte der Landesbischof der mitteldeutschen Kirche am gestrigen Montag zum Thema Atomwaffen gesagt. Dem schließt sich das Aktionsbündnis „atomwaffenfrei.jetzt“ vorbehaltlos an.“

 

Vortext / Kommentar: Christph Maisenbacher – 14. November 2025
Quelle (vollständig zitierter Text): Aktiionsbündnis „atomwaffenrei.jetzt“ _ Pressemitteilung
Link-Zitate: alle Zitate, die wir übernehmen sind im Text mit einem Link versehen
Social-Media-Teaser: ChatGPT
Foto: © EKD

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